Dädalus bindet Ikarus die Flügel an



Dädalus bindet Ikarus die Flügel an


Inventar Nr.: GK 753 (1875/762)
Bezeichnung: Dädalus bindet Ikarus die Flügel an
Künstler: Wilhelm Böttner (1752 - 1805)
Datierung: 1786
Geogr. Bezug: Kassel
Material / Technik: Leinwand
Maße: 192 x 129,5 cm (Bildmaß)
Umzug NG: 196,5 x 134,0 x 4,5 cm (Objektmaß)
Provenienz:

als Rezeptionsstück im Besitz der Kasseler Kunstakademie

vor 1845 in der kurfürstlichen Gemäldegalerie

Beschriftungen: Signatur: bez. u.l. (auf der Wand): W Böttner. pinx. 1786.


Katalogtext:
Böttner malte das großformatige Historienbild 1786 als Rezeptionsstück für die Kasseler Kunstakademie. Literarische Vorlage ist Ovids moralisierende Erzählung aus dem achten Buch der »Metamorphosen«: Dädalus, der von König Minos im Labyrinth auf Kreta festgehalten wird, fertigt für sich und seinen Sohn Flügel aus Federn und Wachs an, um durch die Luft zu entfliehen. Während Dädalus Sizilien erreicht, steigt Ikarus in seinem Übermut zu hoch, die Sonnenglut schmilzt das Wachs der Flügel und er stürzt ins Meer.
Mit der Wahl des Sujets folgte Böttner dem französischen Historienmaler Joseph-Marie Vien (1716-1809), der sich 1754 mit demselben Thema in beinahe identischem Format bei der Pariser Akademie beworben hatte. Böttner war nicht nur dieses Gemälde (Paris, Ecole Nationale des Beaux Arts), das seit 1786 auch als Stich von Johann Georg Preissler zirkulierte, von seinen Parisaufenthalten vertraut, er kannte auch Vien. Als er von 1777 bis 1781 an der französischen Kunstakademie in Rom studierte, war dieser dort Direktor.
Vien und Böttner haben beide den Moment gewählt, in dem Dädalus seinen Sohn für den Abflug vorbereitet. Während Vien mit breiten, großzügig angelegten Pinselstrichen Dädalus und Ikarus als zusammenhängende Figurengruppe in leichter Untersicht vor einer niedrigen Mauer dargestellt hat, sind Vater und Sohn in Böttners Gemälde stärker in den Vordergrund gerückt und in einen architektonischen Zusammenhang eingebunden. Sie stehen vor einem Gebäude, von dem eine Wandnische mit einer vom Bildrand überschnittenen Figur der Athena zu sehen ist, die sich auf einen mit dem Medusenhaupt verzierten Schild stützt. Im Unterschied zu Vien hat Böttner Dädalus mit dem Rücken zum Betrachter dargestellt. Das rechte Bein auf einen Hocker mit einem roten Tuch gestützt, steht er zur Linken von Ikarus vor einem antikisierenden Dreifuß, in dessen Kessel Kohle glüht, und befestigt am linken erhobenen Oberarm seines Sohnes den ersten Flügel mit einem hellblauen Band. Während in Viens Gemälde die starke Untersicht der Personen zu deren Monumentalisierung führt, hat Böttner diese aufgegeben und weniger das kühne Vorhaben des Dädalus als die Vater-Sohn-Beziehung ins Zentrum gestellt. Das bevorstehende Unheil kündigt sich in der rechten oberen Bildecke an, wo ein Ausschnitt des Meeres mit dunkel verhangenen Wolken zu sehen ist.
Böttners Behandlung der nackten Körper lässt das Studium nach Antiken und Modellen erkennen. Seine feine lasierende Malweise zeigt die Auseinandersetzung mit der Malerei Raffaels (1483-1520) und Eustache Lesueurs (1616-1655), die er während seiner Studienjahre in Rom ausgiebig kopiert hat. In seinem Nachlass von 1806 fanden sich mehr als 60 »Packets zu 4-10 Blatt«, darunter »Ganze Figuren nach Anticken. Gemälden von Raphael, Le Sueur« und »Köpfe nach Raphael, Colonna Trajana« sowie »Hände und Füße« (Böttner, Nachlassverzeichnis, S. 26). Im Nachlassverzeichnis wird unter Nr. 51 auch eine »Skizze, Dädalus und Ikarus« angeführt.

Justi 1796, S. 297, Nr. 6; Strieder, Bd. 18, 1819, S. 56, Nr. 5; Kat. Kassel 1845, Nr. 1012a; Verzeichnis Bildergalerie, S. 86, Nr. 1012a; Kat. Kassel 1877, S. 78, Nr. 911; Kat. Kassel 1888, Nr. 713; Kat. Kassel 1913, S. 7, Nr. 753; Berrer 1920, S. 154f. u 161; Hamann 1925, S. 72; Schmidt 1928, S. 82; Kat. Kassel 1929, Nr. 753; Bénézit, Bd. 1, 1948, S. 727; Kat. Kassel 1958, S. 34, Nr. 753; Becker 1971, S. 45.



Letzte Aktualisierung: 10.06.2015


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