Weihnachtsbescherung



Weihnachtsbescherung


Inventar Nr.: 1875/1582
Bezeichnung: Weihnachtsbescherung
Künstler: Nikolaus Hoffmann (1740 - um 1823)
Datierung: 1760 - 1770
Geogr. Bezug: Darmstadt
Material / Technik: Leinwand, doubliert
Maße: 61,5 x 75 cm (Bildmaß)
Umzug NG: 81,3 x 93,5 x 5,5 cm (Objektmaß)
Provenienz:

erworben 1973 von Dr. Rolph Grosse, Frankfurt/Main


Katalogtext:
Die Weihnachtsbescherung ist insofern ein kulturhistorisch bedeutsames Gemälde, als sie eines der ersten Bildzeugnisse für den Brauch des geschmückten Tannenbaums und des Weihnachtsfests als häusliche Familienfeier mit Geschenken an die Kinder ist. Dargestellt ist eine bürgerliche Wohnstube, in der sich die Familie zur Bescherung versammelt hat. Offenbar gerade eingetroffen ist eine verkleidete Frau in einem langen, weißen Gewand mit roter Schärpe. Sie wendet sich an die Kinder, um die braven zu beschenken und die unartigen zu bestrafen. Begleitet wird sie von einem buckligen Mann mit Maske, dem Knecht Ruprecht, der in manchen Gegenden Deutschlands wegen seines langen Mantels mit dem rauen, nach außen gewendeten Pelz und der Pelzmütze auch »Pelzmärtel« genannt wird. Die Frau ist mit der goldenen Königskrone auf dem Haupt als »Christus-König« verkleidet, wie der Weltherrscher seit der Renaissance in der christlichen Ikonographie häufig dargestellt wurde. Mit der Rute in ihrer Rechten weist sie auf ein Mädchen, das neben einem Jungen vor ihr kniet. Mit der linken Hand deutet sie auf einen zweiten Jungen, der sich weinend von ihr abgewandt hat und der von einer Frau mit einem Apfel getröstet wird. In der Mitte der Stube steht ein Tisch, der durch das weiße Tischtuch besonders hervorgehoben wird und auf dem Spielzeuge aufgebaut sind: Puppen, Tiere und andere Holzfiguren sowie ein Büffet mit Puppengeschirr und eine Obstschale. Bekrönt wird der Gabentisch vom brennenden Weihnachtsbaum, einem großen Kiefernzweig, der mit Kerzen, Kugeln und einer Engelsfigur geschmückt ist und sich an prominenter Stelle, im Mittelpunkt des Bildes, erhebt. Sein warmes Kerzenlicht bestimmt die Atmosphäre der Szene.
Wurden bis dahin bildliche Darstellungen von Weihnachten von Christi Geburt in Bethlehem dominiert, so gibt dieses Gemälde Zeugnis von der einsetzenden Profanisierung des Weihnachtsfestes zu einem Familienfest, in dessen Mittelpunkt die Kinder stehen. Der mit Kerzen geschmückte Nadelbaum – hier ein Kiefernzweig – wurde erst im Laufe des 19. Jahrhunderts bei breiten Bevölkerungsschichten zum Symbol und unverzichtbaren Bestand des Weihnachtsfestes. Im 18. Jahrhundert war der Brauch der Lichterbäume allein auf höhere Stände, auf Adel und Großbürgertum, beschränkt. Die in dieser Zeit aufkommende neue Darstellungsform von den Idealen häuslichen Glücks und familialer Zärtlichkeit wird besonders durch die Eltern zur Rechten des Baums artikuliert, die sich gemeinsam ihrem jüngsten Kind zuwenden.
Stilistisch gehört das Gemälde in den Umkreis der Frankfurter »Goethe-Maler« und erinnert an Werke des Darmstädter Hofmalers Johann Conrad Seekatz (1719-1768), etwa an dessen »Dreikönigsspiel«, das um 1762 datiert wird (Darmstadt, Hessisches Landesmuseum). Die »Weihnachtsbescherung« dürfte Seekatz’ Schüler Nikolaus Hoffmann gemalt haben, der sich -stilistisch stark an seinem Lehrer orientierte (Gespräch mit Heidrun Ludwig, 24.10.2002). Wohl aufgrund einer Verwechslung wurde bislang der Maler des Gemäldes »Nikolaus Hartmann« genannt.
Einen Anhaltspunkt für die Datierung bietet das Himmelbett an der Rückwand des Raums, in dessen schweren grünen Vorhängen sich ein Kind versteckt. Solche Betten mit einem oben horizontalen und nach beiden Seiten abfallenden Himmel waren in deutschen Bürgerstuben, von deren Einrichtung Chodowieckis Graphiken eine Vorstellung vermitteln, in den 1760er Jahren gebräuchlich.


Literatur:
  • Stengel, Walter: Alte Wohnkultur in Berlin und in der Mark. Berlin 1958, S. 132, 129.
  • Herzog, Erich: Spuren Goethes in Kassels Galerien. Jahresgabe 1978 der Goethe-Gesellschaft Kassel. Kassel 1978, S. 6-8.
  • Weber-Kellermann, Ingeborg: Das Weihnachtsfest - Eine Kultur- und Sozialgeschichte der Weihnachtszeit. Luzern/Frankfurt a. M. 1979.
  • Cullmann, Oscar: Die Entstehung des Weihnachtsfestes und die Herkunft des Weihnachtsbaumes. Stuttgart 1990, S. 58-66.
  • Daxelmüller, Christoph [Hrsg.]: Weihnachten in Deutschland - Spiegel eines Festes. München 1992, S. 31.
  • Beck, Herbert [Hrsg.]; Bol, Peter C. [Hrsg.]; Bückling, Maraike: Mehr Licht - Europa um 1770. Die bildende Kunst der Aufklärung. Frankfurt a. M. 1999, S. 218.
  • Weihnachtszeit, Feste zwischen Advent und Neujahr in Süddeutschland und Österreich 1840-1940. München 2000, S. 11-18.
  • Heraeus, Stefanie [Bearb.]; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: Spätbarock und Klassizismus. Bestandskatalog der Gemälde in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel [u.a.] 2003, Kat.Nr. 70, S. 90-91.


Letzte Aktualisierung: 30.11.2017


Wissenschaftliche Kommentare:

Hier können Sie uns Anmerkungen und Kommentare zu unseren Objekten hinterlassen, die nach Sichtung durch unsere Mitarbeiter allen Lesern angezeigt werden. Gerne können Sie uns dabei auch Ihren Namen und Ihre Institution nennen, es ist aber nicht erforderlich. Sie können uns auch Ihre E-Mail-Adresse mitteilen, die ausdrücklich nur von unseren Mitarbeitern eingesehen werden kann.

Bisher wurden keine Kommentare geschrieben.

Einen neuen Kommentar hinzufügen.




© Museumslandschaft Hessen Kassel 2017
Datenschutzhinweis | Impressum