Hektors Abschied, Skizze



Hektors Abschied, Skizze


Inventar Nr.: LM 1940/494
Bezeichnung: Hektors Abschied, Skizze
Künstler: Johann August d. J. Nahl (1752 - 1825)
Datierung: um 1814/1816
Geogr. Bezug: Kassel
Material / Technik: Leinwand
Maße: Umzug NG: 67,0 x 49,5 x 10,0 cm (Objektmaß)
54,7 x 37,3 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben 1940 aus dem Nachlass von Alexander Fiorino, Kassel

1910 Alexander Fiorino, Kassel

1903 Kunstauktionshaus Lepke, Berlin, 27./28.10.1903, Lot 128

bis 1880 Wilhelm Nahl, Kassel

Beschriftungen: Signatur: bez. u.l.: J. A. Nahl


Katalogtext:
In Sujet und Komposition greift die Ölskizze die Sepiazeichnung auf, mit der Nahl im Jahr 1800 den ersten Preis bei den Weimarer Preisaufgaben gewonnen hatte (Kunstsammlungen zu Weimar, Inv. Nr. KK 1179). Johann Wolfgang von Goethe und Heinrich Meyer, die Initiatoren des Wettbewerbs, hatten zwei Themen aus Homers »Ilias« zur Auswahl vorgegeben, »Hektors Abschied von Andromache« und der »Raub der Pferde des Rhesus«. Nahl entschied sich für die Szene aus dem sechsten Gesang der »Ilias« (Vers 390-483), in der Hektor von seiner Gemahlin Andromache und seinem Sohn Astyanax in Gegenwart der Amme am Skäischen Stadttor Trojas Abschied nimmt, um in den Kampf gegen die Achaier zu ziehen.
Seit dem 1757 veröffentlichten, berühmten Stichwerk »Tableaux tirés de l’Iliade et de l’Odyssée d’Homère et de l’Enéide de Vergile«, das der Archäologe und Kunstkritiker Comte de Caylus (1692-1765) als Hilfestellung für Maler bei der Auswahl antiker Themen zusammengestellt hatte, beschäftigten sich mehrere Künstler verstärkt mit Stoffen aus Homers »Ilias«. Gavin Hamiltons sechsteilige Ilias-Serie, die er zwischen 1760 und 1775 malte, fand durch die Stiche Domenico Cunegos in ganz Europa Verbreitung. Angelika Kauffmanns Gemälde »Hektors Abschied von Andromache« aus dem Jahr 1768 wurde besonders bekannt, da es ab 1772 als Schabkunstblatt von James Watson zirkulierte. Mit der Wahl dieses Stoffes als Thema für die Weimarer Preisaufgaben erreichte dessen Beliebtheit einen Höhepunkt.
In Nahls Ölskizze nehmen die vier Hauptpersonen nahezu den gesamten Bildraum ein. Sie sind im unmittelbaren Vordergrund als streng gebaute, statische Figurengruppe pyramidal angeordnet. Hektor ist in der Mittelachse plaziert und wird durch die heroisierende Untersicht, den glänzenden Harnisch und den leuchtendroten Mantel besonders hervorgehoben. Er blickt zum Himmel und hält in den erhobenen Armen seinen kleinen Sohn Astyanax empor, um ihn den Göttern anzuvertrauen und damit die Nachkommenschaft zu sichern. Während Astyanax mit der Hand die Wange des Vaters berührt, lehnt sich Andromache – den Tod des Gattens vorausahnend – wehmütigen Blickes an die linke Schulter ihres Gemahls. Ihr graurosafarbenes, antikisches Gewand und der blassgelbe Umhang setzen sie deutlich von Hektors leuchtender Farbigkeit ab. Etwas versetzt im Schatten des Helden kniet, in ein blaues Gewand gehüllt, die Amme, deren Blick und erhobene linke Hand besorgt auf das Kind weisen. Im Mittelgrund am Stadttor, durch das man einen Teil der Stadtbefestigung sieht, verfolgen zwei Krieger und eine weibliche Gestalt die Abschiedsszene.
Die Ölskizze, deren Entwurfsstadium an den noch sichtbaren grauen Konturen und der stellenweise dünn aufgetragenen Farbe zu erkennen ist, entstand vermutlich im Zusammenhang mit dem großformatigen Historiengemälde desselben Themas (AZ 1083), das Kurfürst Wilhelm II. von Hessen bei Nahl 1814 in Auftrag gab. Einen Anhaltspunkt für die Datierung bietet auch eine Zeichnung Nahls mit dem Kopf des Hektor, die sein Sohn Wilhelm mit 1816 bezeichnet hat.
Anders als in der Sepiazeichnung von 1800 wählte Nahl ein Hochformat. Das Pathos der Abschiedsszene, die Vater- und Gattenliebe, heldenhafte Pflichterfüllung und vorweggenommene stille Trauer vereint, wird dicht ins Format gedrängt und ist unmittelbar präsent. Die Betrachter des ausgehenden 18. Jahrhunderts kannten Hektors Schicksal und wussten, dass er durch Achill getötet werden würde. Die Gestaltung der Gruppe von Hektor, Astyanax und Andromache entspricht bis auf ihre spiegelbildliche Anordnung der Zeichnung. Den Verzicht auf pathetische Ausdrucksbewegungen hatte Friedrich Schiller ausdrücklich an Nahls Zeichnung gelobt. Das Herz des Betrachters sollte »nicht zerrissen, sondern durch Rührung selbst gestärkt und erhoben werden« (zit. nach Scheidig 1958, S. 124). Lediglich der Figur der Amme hat Nahl in der Ölskizze weniger Gewicht als in der Zeichnung beigemessen und sie stärker an Hektor herangerückt, in dessen Schatten sie kniet. Auch hat er den Gestus der ringenden Hände aufgegeben und ihre Reaktion weniger emotional dargestellt. Nahl suchte wohl die Kritikpunkte aufzugreifen, die Heinrich Meyer in seiner in den »Propyläen« publizierten Rezension der Sepiazeichnung angeführt hatte. Meyer hatte darin an der Amme Anstoß genommen, die wegen ihrer »lebhaften Bewegung« als Nebenfigur zuviel Aufmerksamkeit auf sich ziehe, und den »leeren Raum zwischen dem Hektor und der Amme« beanstandet (zit. nach Scheidig 1958, S. 109).


Literatur:
  • Material zur Familie Nahl aus dem Nachlaß Nicolai.
  • Justi, Karl Wilhelm: August Nahl's neueste Arbeiten. In: Hessische Denkwürdigkeiten Teil 3 (1802), S. 481-486, S. 481-483.
  • Justi, Karl Wilhelm: Grundlagen zu einer hessischen Gelehrten- Schriftsteller- und Künstler-Geschichte vom Jahre 1806 bis zum Jahre 1830.Fortsetzung von Strieders Hessischer Gelehrten- und Schriftsteller-Geschichte und Nachträge zu diesem Werk. Marburg 1831, S. 470.
  • Nagler, Georg Kaspar: Neues allgemeines Künstler-Lexicon. München 1835ff., S. 105 (Bd. 10, 1841).
  • Nahl-Ausstellung. Kassel 1910, Kat.Nr. 44.
  • Gronau, Georg: Nahl-Ausst. im Kunstverein Cassel. In: Kunstchronik (1911), S., S. Sp. 140.
  • Schmidt, Paul F.: Deutsche Kunst um 1800, Band 2: Bildnis und Komposition von Rokoko bis zu Cornelius. München 1928, S. 84.
  • Pückler-Limpurg, Siegfired Graf: Der Klassizismus in der deutschen Kunst. München 1929, S. 204.
  • Scheidig, Walther: Goethes Preisaufgaben für bildende Künstler 1799-1805. Weimar 1958.
  • Herzog. Erich: Kurhessische Maler 1800-1850. Kassel 1967.
  • Triumph und Tod des Helden. Europäische Historienmalerei von Rubens bis Manet. Köln 1987, Kat.Nr. 86, S. 325.
  • Sklavin oder Bürgerin? Französische Revolution und neue Weiblichkeit 1760-1830. Frankfurt a. M. 1989, Kat.Nr. 4.4, S. 592.
  • Die Kasseler Sammlung Alexander Fiorino. Katalog zur Ausstellung in der Neuen Galerie 12. Juni - 11. September 1994. Kassel 1994, Kat.Nr. 66, S. 135.
  • Sabine Fett und Michael Kalusok: Die Künstlerfamilie Nahl - Rokoko und Klassizismus in Kassel. Verzeichnis sämtlicher Werke von Johann August Nahl d. Ä., Johann Samuel Nahl d. J. und Johann August Nahl d. J. im Besitz der Staatlichen Museen Kassel. Kassel 1994, Kat.Nr. 82.1, S. 74.
  • Lammel, Gisold: Kunst im Aufbruch. Malerei, Graphik und Plastik zur Zeit Goethes. Stuttgart/Weimar 1998, S. 247.
  • Heraeus, Stefanie [Bearb.]; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: Spätbarock und Klassizismus. Bestandskatalog der Gemälde in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel [u.a.] 2003, Kat.Nr. 111, S. 134-136.
  • Justus Lange/ Sebastian Dohe: Patrimonia 341. Dirck van Baburen, Archill vor der Leiche des Patroklos. Gemäldegalerie Alte Meister, Museumslandschaft Hessen Kassel. Kassel 2013, S. 61.
  • Preime, Eberhard: Joh. August Nahl d. J. In: Kasseler Post (3.5.1939), S., Kat.Nr. 120.
  • Dreiheller, Fritz: Hektors Abschied von Andromache. o. J., Kat.Nr. a, S. 3.
  • Dreiheller, Fritz: Joh. August Nahls Beteiligung an Goethes Preisaufgaben für bildende Künstler 1799-1805. o. J.

Siehe auch:


  1. AZ 1083: Hektors Abschied


Letzte Aktualisierung: 05.10.2017


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