Johann Christian Samuel Gohl, Schüler und späterer Schwiegersohn der Malerin, und sie selbst im Hintergrund



Johann Christian Samuel Gohl, Schüler und späterer Schwiegersohn der Malerin, und sie selbst im Hintergrund


Inventar Nr.: HMWK 3003383 (GK 959 (1875/1390))
Bezeichnung: Johann Christian Samuel Gohl, Schüler und späterer Schwiegersohn der Malerin, und sie selbst im Hintergrund
Künstler: Anna Dorothea Therbusch (1721 - 1782)
Datierung: um 1764/1765 u. vor 1776
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Leinwand, doubliert
Maße: Umzug NG: 157,0 x 127,2 x 7,0 cm (Objektmaß)
147,5 x 118 cm (urspr. 90 x 71 cm) (Bildmaß)
Provenienz:

erworben 1960 von Julius Böhler, München

1931 als Leihgabe der Galerie Paul Cassirer im Deutschen Museum, Berlin, ausgestellt

1924 Berliner Kunsthandel

1914 Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Schloss Belvedere bei Weimar

Beschriftungen: Beschriftung: verso auf dem Keilrahmen in Bleistift: E 171 u. 737; Klebeschild der Darmstädter Jahrhundertausstellung von 1914


Katalogtext:
In einer Waldlichtung sitzt ein Mann mittleren Alters auf einem moosbewachsenen Vorsprung. Die Beine übereinander geschlagen, hält er in den Händen eine Zeichenmappe und einen Kreidegriffel. Mit leicht geneigtem Kopf blickt er in Richtung des Betrachters. Er trägt einen schwarzen, runden Hut mit weißer Krempe. Rock und Kniehose sind aus orangebrauner Seide, und über die linke Schulter hat er einen hellvioletten Mantel mit großen aufgebauschten Falten geworfen. Mit der kulissenhaft-empfindsam gestalteten Landschaft erinnert das Bildnis an die englische Porträtmalerei des ausgehenden 18. Jahrhunderts.
Ursprünglich hatte Dorothea Therbusch nur ein Kniestück gemalt. Erst nachträglich wurde es an allen vier Seiten angestückt und zu einem ganzfigurigen Porträt mit einer weiblichen Gestalt im Hintergrund erweitert. Bäume und Blattwerk sind nur flüchtig angedeutet und unterscheiden sich im Pinselduktus vom nuancierten Farbauftrag der pastellfarbenen Kleidung und des Inkarnats. Auch weichen die unstimmigen Proportionen der angesetzten Unterschenkel von der hohen Qualität des Mittelteils ab.
Die Identifikation des Dargestellten war in der Vergangenheit kontrovers diskutiert worden. Bereits in Biermanns Publikation von 1914 und dann in Reidemeisters Werkverzeichnis der Therbusch von 1924 wird der Dargestellte für Ernst Friedrich Therbusch (1711-1772) gehalten, den die Malerin 1742 geheiratet hatte. Dieser war ein gut situierter Gastwirt in Berlin und kein Maler, höchstens ein zeichnender Amateur, wie es das Porträt suggeriert. Wohl aus diesem Grund hat Berckenhagen 1987 vorgeschlagen, den Dargestellten als den Bruder der Malerin zu identifizieren, als den Dessauer Hofmaler Christoph Friedrich Reinhold Lisiewski (1725-1794). Mit diesem hatte die Therbusch, nachdem sie verwitwet war, zwischen 1772/73 und 1779 ein gemeinsames Atelier in Berlin. Berckenhagen stützte sich bei seiner Identifizierung auf das Selbstbildnis der Malerin Therbusch, in dem sie in einer steinernen Fensterrahmung in nachdenklicher Pose an einem Pult sitzt und im Hintergrund ein Mann mit einer Kerze im Halbprofil zu sehen ist, der als ihr Bruder gilt (Kunstsammlungen zu Weimar, Inv. Nr. G 69). Dieses Bildnis befand sich noch 1914 zusammen mit dem Kasseler Gemälde im Besitz des Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach. Das in den Bildmaßen identische Gemälde wurde wie das Kasseler nachträglich rings um das zentrale Porträt ergänzt, und diente im Weimarer Belvedere als dessen Gegenstück. Berckenhagens Identifizierung als Christian Friedrich Reinhold Lisiewski erscheint aber nicht plausibel, wenn man das Kasseler Bildnis mit Lisiewskis »Selbstbildnis bei Kerzenlicht« von 1785 (Staatliche Museen Schwerin) vergleicht oder mit dessen Porträt der Friederike Julie Lisiewska von 1793 (Stiftung Archiv der Akademie der Künste Berlin, Inv. Nr. DAK 3240).
Dagegen konnte Katharina Küster-Heise 2008 überzeugend Therbuschs Schüler Johann Christian Samuel Gohl (1743-1825), der 1784 ihre Tochter Wilhelmine heiraten sollte, als den Dargestellten identifizieren, wie ein Vergleich mit Gohls Selbstbildnis von 1778 in Braunschweig (Herzog Anton Ulrich-Museum, Inv. Nr. 711) bestätigt.

Biermann 1914, Bd. 1, S. 242, Bd. 2, S. LXXIII; Reidemeister 1924, S. 66f. u. 79f.; Verzeichnis Berlin 1931, S. 475, Nr. 1925; Vogel 1961, S. 27, Abb. 21; Kaiser 1976, S. 17; Börsch-Supan 1980, S. 148f.; Berckenhagen 1987, S. 144f., Nr. 100 u. S. 148, Nr. 116 (zu Therbuschs Nürnberger Porträt des Gatten); Kat. Braunschweig 1989, S. 131f., Nr. 711 (zu Gohls Porträt); Kat. Berlin 1994, Nr. 714 (zu Therbuschs Berliner Porträt des Gatten); Kat. Weimar 1994 (zum Weimarer Selbstbildnis der Therbusch); AK Kassel 1996, S. 34f., Nr. 9; AK Gotha 1999, S. 114, C 34 u. Tf. 11 (zu Lisiewskis Porträt). Küster-Heise 2008, S. 167, Kat. IV. 49.


Literatur:
  • Küster-Heise, Katharina: Anna Dorothea Therbusch, geb. Lisiewsk 1721-1782. Eine Malerin der Aufklärung. Leben und Werk. Heidelberg (Phil. Diss.) 2008, Kat.Nr. IV. 49, S. Bd. II, S. 167.


Letzte Aktualisierung: 08.03.2017


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