Mädchenbildnis



Mädchenbildnis


Inventar Nr.: 1875/1440 a
Bezeichnung: Mädchenbildnis
Künstler: Johann Friedrich August Tischbein (1750 - 1812)
Datierung: 1778
Geogr. Bezug: Rom
Material / Technik: Leinwand, doubliert
Maße: 60,5 x 46,3 cm (Bildmaß)
Umzug NG: 73,5 x 60,0 x 6,5 cm (Objektmaß)
Provenienz:

italienischer Privatbesitz

erworben 1965 von Jan Dyk, München

Beschriftungen: Signatur: bez. r. (über der Schulter): Tischbein Roma 1778


Katalogtext:
Das anmutige Bildnis eines Mädchens, dessen Oberkörper in ein transparentes helles Tuch gehüllt ist, entstand 1778 während Tischbeins Aufenthalt in Rom. Die Wirkung des Inkarnats wird durch das dunkle Rot des Vorhangs und die kühlen Weißtöne des Tuchs gesteigert. Motive wie der verträumte Blick und das gedankenverlorene Spiel mit einer Haarsträhne zeigen den Einfluss von Jean-Baptiste Greuze (1725-1805), dessen sentimentalische Malerei Tischbein während seines Parisaufenthaltes Mitte der 1770er Jahre ausführlich studiert hatte. Die ebenmäßigen, wenig ausgeprägten Gesichtszüge und das kokette Spiel mit Bedeckung und Entblößung sind noch der Bildnismalerei des französischen Rokoko verpflichtet, wie sie François Boucher (1703-1770) vorbildhaft formuliert hat.
Man hat in dem Mädchen Lady Elizabeth Hervey (1759-1824) erkennen wollen und auf Tischbeins im selben Jahr entstandenes Porträt »Lady Hervey mit Taube im Arm« in den Kunstsammlungen zu Weimar verwiesen (Inv. Nr. G 104). Elizabeth Hervey war die Tochter des Lord Frederick Augustus Hervey, Bischof von Derry und vierter Earl of Bristol. Seit 1776 war sie mit Sir John Thomas Foster verheiratet. Ihre Eltern hielten sich zwar 1778 in Rom auf, Elizabeth begleitete sie aber nicht auf deren Italienreise, so dass es sich allenfalls um ihre jüngere Schwester Louisa (1767-1821) handeln könnte. Die Bildnisse in Weimar und Kassel weisen aber so wenig Ähnlichkeiten auf, dass man bezweifeln muss, ob sie dieselbe Person wiedergeben. Die gesittet gekleidete Lady Hervey auf dem Weimarer Porträt, die in Greuzscher Manier beschützend eine Taube in der Hand hält, verkörpert einen ganz anderen Mädchentypus als die kokette junge Frau des Kasseler Gemäldes. Auch lassen sich physiognomische Übereinstimmungen nur sehr bedingt im Gesichtsschnitt und in der Lippenpartie erkennen. Dies spricht dafür, dass es in Tischbeins Kasseler Bildnis eher darum ging, einen bestimmten Mädchentypus zu stilisieren als einen konkreten Porträtauftrag zu erfüllen.


Literatur:
  • Herzog. Erich: Kurhessische Maler 1800-1850. Kassel 1967.
  • Angelika Kauffmann und ihre Zeitgenossen. Bregenz 1968, Kat.Nr. 439, S. 134.
  • Herzog, Erich: Die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Geschichte der Galerie von Georg Gronau und Erich Herzog. Hanau 1969, Kat.Nr. 19, S. 75.
  • C.G. Boerner: Angelika Kauffmann und ihre Zeit. Graphik und Zeichnungen von 1760-1810. Neue Lagerliste 70. 1979.
  • Franke, Martin: Johann Friedrich August Tischbein. Leben und Werk. Egelsbach u. a. 1993, Kat.Nr. 521 (Bd. 2), S. 40 (Bd. 1),.
  • Heraeus, Stefanie [Bearb.]; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: Spätbarock und Klassizismus. Bestandskatalog der Gemälde in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel [u.a.] 2003, Kat.Nr. 161, S. 183-184.
  • 3x Tischbein und die europäische Malerei um 1800. Kat. Staatliche Museen Kassel, Museum der bildenden Künste Leipzig. München 2005, Kat.Nr. 53, S. 174.


Letzte Aktualisierung: 20.09.2017


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