Rahel Charlotte Löhr



Rahel Charlotte Löhr


Inventar Nr.: 1875/1482
Bezeichnung: Rahel Charlotte Löhr
Künstler: Johann Friedrich August Tischbein (1750 - 1812)
Datierung: 1800
Geogr. Bezug: Leipzig
Material / Technik: Leinwand
Maße: 71 x 56,8 cm (Bildmaß)
Umzug NG: 85,5 x 71,8 x 6,0 cm (Objektmaß)
Provenienz:

erworben 1970 von Landgraf Philipp von Hessen

1962 Landgraf Philipp von Hessen, Kronberg i.T.

1961 Kunstantiquariat Heinz O. Hauenstein, Frankfurt/Main

Beschriftungen: Signatur: bez. Mitte l.: Tischbein. p: 1800


Katalogtext:
Rahel Charlotte Löhr (1739-1803), geb. Barthel, stammte aus einem wohlhabenden Leipziger Handelshaus. Im Februar 1760 heiratete sie den Leipziger Bankier Eberhard Heinrich Löhr (1725-1798) und gebar 1763 den Sohn Karl Eberhard. Tischbein hat Mitglieder der Familie Löhr in mehreren Bildnissen porträtiert, darunter auch in einer Ölskizze (1875/1232). Mit der schleierartigen Kopfbedeckung und dem silbergrau-braunen Mantel mit Pelzschal ist Rahel Löhr winterlich gekleidet. Die hellen Lichtreflexe ihrer voluminösen Haube, die den changierenden Stoff besonders gut zur Geltung kommen lassen und sich von dem dunklen Hintergrund hell abheben, zeigen Tischbeins Vorliebe für Stoffe und Draperien.
Im Vergleich zu anderen Porträts von Tischbein sind die Altersspuren im Gesicht der alten Dame recht ausgeprägt wiedergegeben. Dies lässt sich auch in dem 1801 gemalten Bildnis von Henriette Charlotte Bause (Frankfurt/Main, Goethe-Museum, Inv. Nr. IV-1995-233), der Schwiegermutter Karl Eberhard Löhrs, beobachten. In der Gegenüberstellung mit einem um 1797 entstandenen Porträt der Rahel Löhr von Anton Graff wird aber deutlich, dass Tischbein auch hier zu einer gewissen Idealisierung neigte. In Graffs Porträt ist die Bankiersfrau frontal dargestellt und ihr vom Alter gezeichnetes Gesicht wirkt im Vergleich zu Tischbeins Bildnis beinahe derb.
Im Unterschied zu Graff, der als Meister im Erfassen von individueller Physiognomie und Charakter galt, entsprach Tischbeins Porträtstil weniger den Forderungen der dominierenden zeitgenössischen deutschen Kunsttheorie. Johann Georg Sulzer hatte in seiner einflussreichen »Allgemeinen Theorie der Schönen Künste« (1771-74) wahrhaftige Physiognomie zum Hauptkriterium des Porträts erklärt: »Das erste ist, daß die wahren Gesichtszüge der Personen, so wie sie in der Natur vorhanden sind, auf das Richtigste und Vollkommenste, mit Übergehung des Zufälligen, das jeden Augenblick anders ist, vermittelst richtiger Zeichnung dargestellt werden« (Bd. 3, S. 721). Tischbeins Tochter Caroline scheinen diese Diskussionen wohlvertraut gewesen zu sein, wenn sie in den Erinnerungen an ihren Vater bemerkt: »Sinn für schöne edle Formen war dem Vater besonders eigen. In Porträts idealisierte er vielleicht zu sehr, doch geschah es selten auf Kosten der Ähnlichkeit. Er besaß einen eigenen Takt, jeder Physiognomie gleichsam den günstigsten Moment abzulauschen, und ich glaube nicht zu viel zu behaupten, wenn ich annehme, daß er unter den neueren Künstlern der geschickteste Frauenmaler war« (Stoll 1923, S. 117).
Eine mit »Tischbein. p: 1801.« bezeichnete, ein Jahr später entstandene, etwa gleich große Replik des Kasseler Porträts befindet sich im Museum der bildenden Künste in Leipzig (Inv. Nr. 1980).

Stoll 1923, S. 191; Auktionskat. Hauenstein, 38/39, Frankfurt/Main 22.3.1961, Nr. 2342 (unter Joh. Heinr. Wilh. Tischbein); Berckenhagen 1967, Nr. 904-906 (zu Graffs Porträt der Löhr); Franke 1993, Bd. 1, S. 126f. u. Bd. 2, Nr. 206f.; Kat. Leipzig 1995, S. 194, Nr. 1980 u. Abb. 690; Stuhr 1995, S. 132-134.



Letzte Aktualisierung: 30.01.2017


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