Anne Pauline Dufour-Feronce mit ihrem Sohn Jean Marc Albert



Anne Pauline Dufour-Feronce mit ihrem Sohn Jean Marc Albert


Inventar Nr.: HMWK 3005506 (GK 956 (1875/1380))
Bezeichnung: Anne Pauline Dufour-Feronce mit ihrem Sohn Jean Marc Albert
Künstler: Johann Friedrich August Tischbein (1750 - 1812)
Datierung: 1802
Geogr. Bezug: Leipzig
Material / Technik: Leinwand, doubliert
Maße: Umzug NG: 137,5 x 117,5 x 6,5 cm (Objektmaß)
125 x 106 cm (an allen vier Seiten stark beschnitten, ursprünglich 193 x 120 cm) (Bildmaß)
Provenienz:

erworben 1958 von Marc Dufour-Feronce, Berlin-Zehlendorf

1924 Albert Dufour-Feronce, London


Katalogtext:
Mit seinem Umzug nach Leipzig und der Ernennung zum Direktor der Kunstakademie im Jahr 1800 erhielt Tischbein zahlreiche Porträtaufträge von wohlhabenden Bürgern der Messestadt. Seine Gemälde, ebenso geprägt von Innigkeit wie von vornehmer Zurückhaltung, sprachen eine Klientel an, die zunehmend ihr Privatleben inszenierte. Sie spiegeln aufgeklärte Ideale wider, wie sie die bürgerliche Öffentlichkeit Ende des 18. Jahrhunderts formulierte: Vorstellungen von der modernen Kleinfamilie, von der Frau als Gattin und Mutter und von einer ›natürlichen Erziehung‹ des Kindes im Sinne Rousseaus.
Das Porträt der Anne Pauline Dufour-Feronce war ursprünglich ganzfigurig. Es wurde nach 1809 und vor 1912 an allen vier Seiten beschnitten. Im Künstlerlexikon von Johann Georg Meusel wird es noch unter »Ganze Figuren in Lebensgröße« angeführt. Im Ausstellungskatalog »Die Leipziger Bildnismalerei von 1700 bis 1850« aus dem Jahr 1912 findet sich der Hinweis »Kniestück (ursprünglich ganze Figur)«. Die Originalgröße lässt sich erschließen durch das noch in Originalgröße erhaltene Pendantbildnis des Ehemanns (1875/1366). Die beiden Porträts ergeben durch die Körperhaltung der Eltern, die Mutter nach links, der Vater nach rechts gewandt, ein Bilderpaar, das die Zusammengehörigkeit der Familie betont. Die Geschlechterrollen sind bei den Eltern, nicht aber bei den Kindern, eindeutig verteilt: Während der Großkaufmann mit seiner Tochter draußen, in einer Landschaft, weilt, charakterisiert der Innenraum seine Gattin als Hüterin des Hauses. Im Zuge der bürgerlichen Flucht aus der großen Gesellschaft in häusliche Zirkel war es die Frau, die fortan den Rahmen der Geselligkeit stiftete und für das häusliche Glück sorgte. Sie war für die Pflege und Erziehung der Kinder verantwortlich und verrichtete alle mit der Hauswirtschaft anfallenden Aufgaben. Im Gemälde weisen der Nähtisch und die Stickarbeit auf dem Wandschirm auf die nützlichen weiblichen Fertigkeiten hin.
Anne Pauline Dufour-Feronce (1774-1839), geb. Feronce, war seit 1792 mit dem Großkaufmann Jacques Ferdinand Dufour verheiratet, der mit französischen und italienischen Seidenwaren handelte und wie seine Frau aus einer in Leipzig ansässigen Hugenottenfamilie stammte. Mit den gedrehten Stirnlöckchen »à la grecque« und dem langen, hochtaillierten Kleid aus weißem Musselin ist sie in der aktuellen Mode dargestellt. Tischbein verstand es besonders gut, den durchscheinenden Stoff des feinen Musselins und dessen fließend-weichen Faltenwurf wiederzugeben.
Anne Pauline hält ihren Sohn Jean Marc Albert (1798-1861) auf dem Schoß, der den Kopf an ihren Hals lehnt. Mutter und Kind wenden beide den Blick dem Betrachter zu. Das harmonische Kolorit, die schwachen Helldunkelkontraste der dünn aufgetragenen weißgelben Farbtöne, von denen sich lediglich der moosgrüne Anzug des Jungen absetzt, und die Dreieckskomposition betonen das innige Mutter-Kind-Verhältnis. Mit der Stilisierung mütterlicher Fürsorge vertrat Tischbein in Deutschland als einer der ersten eine neue Bildnisauffassung, die sich im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in England und Frankreich durchsetzte und für die bürgerlichen Werte der Epoche ›Empfindsamkeit‹ und ›Natürlichkeit‹ eine Bildform bot. Tischbein lernte diesen Porträttypus während seiner Auslandsaufenthalte in Paris, Rom und Neapel kennen, wo er sich mit der Bildnismalerei von Elisabeth Vigée-Lebrun (1755-1842), Marguerite Gérard (1789-1842) und Charles Romney (1734-1802) vertraut gemacht hatte. Das Motiv der Umarmung von Mutter und Kind, das sich auch in anderen Porträts von Tischbein findet (vgl. 1875/1217), taucht etwa in Romneys Gemälde »Mrs. Stratford Canning und ihre Tochter« von 1784 auf und in einem Selbstbildnis Vigée-Lebruns mit ihrer Tochter, das sich im Louvre befindet (Inv. Nr. 3068). Besonders das Selbstporträt Vigée-Lebruns aus dem Jahr 1789 enthält in der Anordnung der Personen und in ihrer Gestik Parallelen zum Porträt von Anne Pauline Dufour-Feronce. Ähnlich wie die Kaufmannsfrau und ihr Sohn umarmen sich dort die Malerin und ihre Tochter, wenn auch weniger distanziert. Auch ihre Gesichter berühren sich, und sie richten den Blick auf ein imaginäres Gegenüber.
Im Unterschied zu den Bildnissen von Romney und Vigée-Lebrun, in denen die affektive Bindung von Mutter und Kind im Zentrum steht und der Hintergrund bloß angedeutet ist als Landschaft oder dunkler Grund, ist der Innenraum in Tischbeins Porträt detailliert beschrieben. Er gibt Aufschluss über die dargestellten Personen. Ursprünglich nahm das repräsentative Interieur einen größeren Teil des Gemäldes ein und hatte weit mehr Gewicht, was jetzt nur noch die angeschnittene Skulptur im Hintergrund andeutet.
Die Staatlichen Museen Kassel besitzen eine Ölskizze (1875/1219), auf der Tischbein den Mutter-Kind-Typus erprobt hat, den er im Porträt der Anne Pauline Dufour-Feronce umsetzte.

Leipziger gelehrtes Tagebuch 1802, S. 143; Meusel 2, Bd. 2, 1809, S. 440f.; AK Leipzig 1912, Nr. 778, Tfbd. S. 30, Tf. 73; Biehl 1912, S. 283 m. Abb.; Stoll 1923, S. 186; AK Leipzig 1924, Nr. 8 m. Abb.; Teupser 1924, S. 15f. m. Abb.; Kroker 1925, S. 155, 188; Landsberger 1931, S. 141f. m. Abb.; Hessische Heimat 11, 1961, H. 2/3, S. 24, Abb. 18 u. S. 26, 45; Kat. Kassel 1961, S. 88f.; Oehler 1962, S. 61 m. Abb.; Herzog 1967b, o. S., Abb. 2; AK Bregenz 1968, S. 134, Nr. 440 u. Abb. 102; Herzog 1969, S. 96, Nr. 99 m. Abb.; Becker 1971, S. 35 u. Abb. 48f.; Rump 1974, S. 73f.; Börsch-Supan 1988, S. 141 u. 156, Tf. 18; AK Nürnberg 1989, Nr. 394; Kluxen 1989, S. 168; Franke 1993, Bd. 1, S. 132 u. Bd. 2, Nr. 94; Maurer 1996, S. 301 u. 534-539 (zur neuen Rolle der Frau); Middell 1998, S. 122-130, 173, 194f. (zur Familie Dufour).


Literatur:
  • Marianne Heinz u.a.: 3x Tischbein und die europäische Malerei um 1800. Kassel/Leipzig/München 2005, Kat.Nr. 62, S. 48, 192.
  • Marc Fehlmann: Anton Graff. Gesichter einer Epoche. Berlin 2013, S. 97.


Letzte Aktualisierung: 30.01.2017


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