Jupiter in Gestalt der Diana verführt Kallisto



Jupiter in Gestalt der Diana verführt Kallisto


Inventar Nr.: GK 690 (1875/722)
Bezeichnung: Jupiter in Gestalt der Diana verführt Kallisto
Künstler: Johann Heinrich d. Ä. Tischbein (1722 - 1789)
Datierung: um 1756
Geogr. Bezug: Kassel
Material / Technik: Leinwand, doubliert
Maße: 41 x 47 cm (Bildmaß)
Umzug NG: 55,5 x 60,5 x 12,0 cm (Objektmaß)
Provenienz:

im Auftrag von Landgraf Wilhelm VIII.

1792 Schloss Weißenstein, Erdgeschoss, Eckkabinett

1804 Schloss Wilhelmshöhe, Weißensteinflügel, Erdgeschoss, Eckkabinett

1815 Schloss Wilhelmshöhe, Kirchflügel, Zweites Kabinett

1824 Schloss Wilhelmsthal

1829 Gemäldegalerie

1864 Schloss Bellevue

1877 u. 1913 Neue Gemäldegalerie

Beschriftungen: Signatur: bez. u.l. (auf dem Köcher): JHTischbein (ligiert) Pinx 175(?)


Katalogtext:
Das Gemälde ist ebenso wie sein Gegenstück »Acis und Galatea« (1875/723) – beide noch in den Originalrahmen von Johann August Nahl d. Ä. – repräsentativ für Tischbeins frühe Historienbilder der 1750/60er Jahre. Kennzeichnend für sie sind »amouröse Sujets aus Mythologie und Geschichte, in denen eine leichte Auffassung des Stoffes mit einer Ausführung von blendender Virtuosität in Einklang steht« (Börsch-Supan 1988, S. 138). Sowohl in der Wahl erotisch-koketter Themen als auch in der anmutigen Schilderung und dem hellen heiteren Kolorit stehen sie noch in der Tradition der französischen Rokokomalerei.
Die Liebesszene zeigt eine Episode aus Ovids »Metamorphosen« (II, 419-439), die seit der Renaissance in der Malerei ein beliebtes Sujet war. Tischbein d. Ä. war die Szene nicht zuletzt durch Rubens’ »Jupiter und Diana« aus der Kasseler Gemäldesammlung vertraut, die dem Hofmaler Anregungen bot, aber auch Maßstäbe setzte.
Der Göttervater Jupiter hat sich listig in die Jagdgöttin Diana verwandelt, um die schöne Nymphe Kallisto aus dem Jagdgefolge der Diana zu verführen. Diese liegt in einem Hemd aus dünnem, weißem Stoff auf ihrem Mantel, der im Licht weiß-rosa changiert, unter einem Baum im Gras und ruht sich von der Jagd aus. Jupiter, als Mann gekennzeichnet durch seine braune Hautfarbe, hat sich vertraulich neben die Nymphe gesetzt, die nichts ahnend Diana zu erkennen glaubt. Zärtlich streichelt er mit der rechten Hand Kallistos Wange, während er den linken Arm auf ihren Oberschenkel gelegt hat und sie nach ihren Jagdgründen befragt. Das goldene Widdergehörn, das Tischbein anstelle von Dianas Mondsichel in Jupiters dunkles Haar gesteckt hat, entlarvt dessen Verwandlung. Auch der Adler in der oberen, linken Bildecke, auf dem Amor reitet, ist ein Hinweis auf die Absichten des Göttervaters.
Die Figuren sind in eine kulissenhafte Landschaft eingebettet, hinterfangen von Bäumen und Büschen. Im Umgang mit dem Licht, das die Körper sanft umspielt, und in der nuancierten Gestaltung des Inkarnats, das dem entblößten Oberkörper Kallistos einen zarten emailhaften Glanz verleiht und ihn gegen die kräftige Körperfarbe Jupiters absetzt, zeigt sich der Einfluss der französischen Malerei, insbesondere der François Bouchers (1703-1770). In der Anordnung der Figuren scheinen mehrere Vorbilder wirksam gewesen zu sein. Tischbein hat, wie die umfassende Stichsammlung seines Nachlasses dokumentiert, intensiv berühmte Vorbilder und deren Formenrepertoire studiert. Die Nachahmung oder Anlehnung an geschätzte Meister entsprach den Vorstellungen der zeitgenössischen Kunstkritik und -theorie und wurde in den Kunsttraktaten propagiert, so etwa im »Groot Schilderboek« von Lairesse und in den »Akademiegesprächen« Félibiens. Im Falle von Tischbeins »Jupiter und Kallisto« lassen sich im Bildaufbau und in der Pose der Figuren Parallelen zu einer Radierung von Gérard de Lairesse (1640-1711) erkennen, in der das Liebespaar spiegelverkehrt ebenfalls nebeneinander unter einem Baum im Gras sitzt und der Göttervater seinen linken Arm um die Schulter der Kallisto legt. Die spiegelverkehrte Wiederholung eines vorhandenen Motivs war innerhalb der »imitatio« ein übliches Mittel der »variatio«. In der Wahl des Handlungsmoments der Figuren könnte man auch an Jean Restouts (1692-1768) »Jupiter und Kallisto« von 1725 denken (Privatbesitz), dessen Werke nachhaltigen Einfluss auf Tischbeins Malerei hatten. In der Feingliedrigkeit der Figuren zeigt sich Tischbeins Beschäftigung mit Charles de la Fosse (1636-1716) und Jacopo Amigoni (1675-1752), von deren Werken er Nachstiche besaß (Tischbein, Nachlassverzeichnis, S. 22, Nr. 48 u. 14, Nr. 3).

Deutsches Museum 1777, S. 367, Nr. 15; Meusel 1, S. 143; Apell 1792, S. 105; Engelschall 1797, S. 95, Nr. 13; Döring 1804, S. 19, Nr. 3; Apell 1805, Teil 2, S. 35; Verzeichnis Wilhelmshöhe 1815, Nr. 36; Kat. Kassel 1819, S. 125f., Nr. 788; Kat. Kassel 1830, S. 147, Nr. 914; Kat. Kassel 1845, S. 83, Nr. 914; Parthey 1863-64, Bd. 2, S. 640, Nr. 5; Kat. Kassel 1877, Nr. 869; Michel 1881, S. 14; Kat. Kassel 1888, S. 378, Nr. 655; Voll 1904, S. 179; Bahlmann 1911, S. 25f., 73, Nr. 1; Kat. Kassel 1913, S. 68, Nr. 690; Woermann 1922, S. 93; Hamann 1925, S. 20-22; Schauer 1927, Abb. 22; Luthmer 1934, S. 17, Nr. 39; Kat. Kassel 1958, S. 154, Nr. 690; AK Kassel 1964, S. 9, Nr. 15; AK Bregenz 1968, S. 142, Abb. 119; AK Kassel 1989, S. 167, Nr. 34; Tiegel-Hertfelder 1996, S. 119-121 u. 321f., G 6; Kurzführer Kassel 2000, S. 104f.; Heinz 2001b, S. 47.


Literatur:
  • Marianne Heinz u.a.: 3x Tischbein und die europäische Malerei um 1800. Kassel/Leipzig/München 2005, Kat.Nr. 10, S. 33, 76, 78.


Letzte Aktualisierung: 14.11.2016


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