Augustus bei der sterbenden Kleopatra



Augustus bei der sterbenden Kleopatra


Inventar Nr.: M 1989/3
Bezeichnung: Augustus bei der sterbenden Kleopatra
Künstler: Johann Heinrich d. Ä. Tischbein (1722 - 1789)
Datierung: 1767
Geogr. Bezug: Kassel
Material / Technik: Leinwand
Maße: 46,5 x 57 cm (Bildmaß)
Umzug NG: 59,5 x 68,5 x 6,0 cm (Objektmaß)
Provenienz:

erworben 1989 von der Kunstgalerie Hohenbuchau, Schlangenbad-Georgenborn

1987 Auktionshaus Christie's, London

1777 Kabinett Winckler, Leipzig (?)

Beschriftungen: Signatur: bez. u.l. (auf der Bettdecke): J. H. (ligiert) Tischbein pinx. 1767


Katalogtext:
Nach der Niederlage gegen Octavian – dem späteren Augustus – bei Actium im Jahr 30 v. Chr. und nach dem Tod des Antonius beschloss Kleopatra, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie sandte Oktavian ein Schreiben, in dem sie ihn bat, neben Antonius bestattet zu werden. Durch diese Worte alarmiert, eilte Augustus zu der ägyptischen Königin, die sich durch den Biss einer Natter vergiftet hatte und im Sterben lag.
Tischbein d. Ä. hat Augustus, dessen Dreiviertelfigur vom unteren Bildrand überschnitten wird, im unmittelbaren Vordergrund vor dem Sterbelager Kleopatras dargestellt. Frontal dem Betrachter zugewandt, die Linke auf den Feldherrnstab, die Rechte in die Seite gestützt, blickt er ernst zur Seite. Die Königin liegt tot in den Kissen und wird von zwei ihrer Hofdamen heftig betrauert. Ein Arzt, der etwas zurückgesetzt auf der anderen Seite des Bettes im Dämmerschein steht, fühlt mit seinem Handrücken ihren Herzschlag und teilt Augustus durch die Geste seiner rechten Hand mit, dass sie soeben gestorben sei. Am linken Bildrand sind ein Junge, der den prächtigen, adlerbekrönten Helm des Augustus trägt, und mehrere Soldaten zu sehen, die das Geschehen aufmerksam verfolgen.
Die beiden Hauptfiguren der Szene, Augustus und Kleopatra, werden durch das Licht besonders hervorgehoben, das von rechts auf den halb entblößten Oberkörper Kleopatras und das Gesicht sowie den rechten Arm des Augustus fällt. Augustus setzt sich zudem durch seinen metallenen Panzer in kühlem Blau und den hellroten Mantel von dem Gelb-Orange-Grün-Kontinuum seiner Umgebung ab. Sein ernster Ausdruck bestimmt die Stimmung des Gemäldes. Augustus kommt die Funktion der Reflexionsfigur zu, die den Betrachter in die Wahrnehmungsweise der Szene einführen soll. Das nachsinnende Versunkensein einer Figur, das auch in den zeitgenössischen kunsttheoretischen Debatten diskutiert wurde, ist in der Kunstgeschichte mit dem Begriff der »absorption« (Fried) beschrieben und zu einem typischen Phänomen der französischen Kunst der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erklärt worden.
Durch die Halbfigurenkomposition auf einer schmalen Bühne führt Tischbein dem Betrachter die Sterbeszene direkt vor Augen. Eine Anregung für diese Bildkonzeption könnte er durch ein Gemälde aus der Kasseler Sammlung bekommen haben, das sich bereits zu Zeiten Landgraf Karls im Kunsthaus befand. Das Gemälde »Nero vor der Leiche der Agrippina«, das heute dem norditalienischen Maler Antonio Molinari (1655-1704) zugeschrieben wird und zuvor als Werk Carlo Cignanis (1628-1719) galt, ist in der Anordnung der Figuren recht ähnlich aufgebaut (MHK, Gemäldegalerie Alte Meister, GK 581). Auch dort erscheint die tote Kaiserin in der vordersten Bildebene, und Nero steht direkt vor seiner Mutter. Die Präsenz des Geschehens wird dort noch erhöht durch den eng gefassten Bildraum und die fast formatfüllenden Figuren. Innerhalb von Tischbeins Werk ist »Augustus bei der sterbenden Kleopatra« das früheste Beispiel für diese Art der Bildkonzeption. In späteren Jahren findet sie sich des Öfteren, so etwa bei den Gemälden zum Schicksal der Königin Dido (1875/690 u. VSG, Weißensteinflügel) und bei Alexander und Hephaistion (1875/711).
Möglicherweise handelt es sich bei dem vorliegenden Gemälde um eines der beiden, die in dem 1777 verfassten Artikel zu Tischbeins Historienbildern in der Zeitschrift »Deutsches Museum« unter Nummer 62 und 66 auftauchen und zur bedeutenden Kunstsammlung des Leipziger Kaufmanns Gottfried II Winckler gehörten. Dort ist die Rede von »Octavius mit seinem Arzt vor dem Bette der verstorbenen Kleopatra, um zu sehen, ob sie wirklich todt sey« und einem »Sterbenden Antonius« als Pendant.

Deutsches Museum 1777, S. 370, Nr. 62; AK Kassel 1964, S. 11, Nr. 28; Fried 1980, S. 92-105 (»absorption and theatricality«); Auktionskat. Christie’s, London 18.12.1987, Nr. 54; AK Kassel 1989, S. 122 u. 168, Nr. 37; Tiegel-Hertfelder 1996, S. 140-143 u. S. 332, G 34.


Literatur:
  • Marianne Heinz u.a.: 3x Tischbein und die europäische Malerei um 1800. Kassel/Leipzig/München 2005, Kat.Nr. 14, S. 36, 84, 86, 88.


Letzte Aktualisierung: 28.09.2015


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