Augustus bei der sterbenden Kleopatra



Augustus bei der sterbenden Kleopatra


Inventar Nr.: GK 688 (1875/712)
Bezeichnung: Augustus bei der sterbenden Kleopatra
Künstler: Johann Heinrich d. Ä. Tischbein (1722 - 1789)
Datierung: 1769
Geogr. Bezug: Kassel
Material / Technik: Leinwand
Maße: 34,7 x 44,5 cm (Bildmaß)
Umzug NG: 41,5 x 52,0 x 6,5 cm (Objektmaß)
Provenienz:

im Auftrag von Landgraf Friedrich II.

1792 Schloss Weißenstein, Erdgeschoss

1804 Schloss Wilhelmshöhe, Weißensteinflügel, Erdgeschoss, Eckkabinett

1815 Schloss Wilhelmshöhe, Kirchflügel, Erstes Eckkabinett

1824 Schloss Wabern

1827 Schloss Wilhelmshöhe

1829 Gemäldegalerie

1864 Schloss Bellevue

1875 Kopiersaal

1877 u. 1911 Neue Gemäldegalerie

Beschriftungen: Signatur: bez. u.r. (am Postament): J. H. Tischbein. Pinx. 1769.


Katalogtext:
Das 1769 aufgestellte Inventar von Schloss Weißenstein lässt vermuten, dass Tischbein d. Ä. das Kabinettbild als Pendant zu dem wohl etwas früher entstandenen, im Format identischen Gemälde »Antonius zu Tode verwundet bei Kleopatra« (1875/713) konzipiert hat (Holtmeyer, Bd. IV, 1910, S. 241). Mit der sterbenden Kleopatra griff er ein Sujet auf, das er bereits zwei Jahre zuvor behandelt hatte (M 1989/3). Während er die Formen- und Gestensprache der früheren Fassung weitgehend übernahm, stellte er die Szene selbst in einen anderen kompositionellen Zusammenhang. Anders als in der Version von 1767, in der das Geschehen als ausschnitthafte Halbfigurenkomposition vor den Augen des Betrachters stattfindet, ist die Sterbeszene hier in die Gesamtansicht eines Innenraums eingegliedert und wird aus größerer Distanz sowie in umgekehrter Leserichtung geschildert. Diese veränderte Bildkonzeption lässt sich durch das Pendantgemälde erklären, in dem das Geschehen ebenfalls in einem Innenraum in gewissem Abstand zum Betrachter stattfindet.
Die Hauptfiguren, die Tischbein aus der Version von 1767 übernommen hat, sind im Mittelgrund spiegelbildlich zur ersten Fassung dargestellt. In der Bildmitte, im Zentrum der Komposition, steht Augustus in ganzer Figur am Sterbebett der Kleopatra, das bildparallel angeordnet ist und von einem hohen Baldachin in dunklem Grün bekrönt wird, der von mehreren Säulen getragen wird. Wie in der früheren Version stützt sich Augustus mit ernster Miene auf seinen Feldherrnstab. Der Arzt prüft den Herzschlag der Königin, die trauernde Hofdame stützt den Kopf ihrer Herrin und der Junge hält – hier zusammen mit einem zweiten – den Helmbusch des Augustus. Diese unmittelbar am Geschehen beteiligten Figuren werden durch das von links einfallende Tageslicht beleuchtet. Im Dämmerlicht stehen hingegen die römischen Soldaten, in der rechten Bildhälfte am Eingang des Raums platziert.
Den gedämpften, überwiegend von Gelb-Orange-Grün-Tönen bestimmten Farbklang der früheren Fassung hat Tischbein aufgegeben und statt dessen ein kontrastreicheres Kolorit gewählt, das die Hauptfiguren der Szene, Augustus und Kleopatra, durch ein leuchtendes Rot und ein kühles Weiß besonders bezeichnet. Die Farben des Augustus, das Rot seines Mantels und das Hellblau des Panzers, kehren, wenn auch gedämpfter, im Gewand und Mantel der Trauernden am linken Bildrand wieder. Diese Frauengestalt, die durch die Schattenzone zurücktritt, ist in der Gemäldeversion von 1767 nicht zugegen. Sie teilt zusammen mit Augustus die Funktion der Reflexionsfigur, die den Betrachter in die Szene einführen soll. Den Kopf in die linke Hand gestützt, sinnt sie im Gestus der Melancholie über Kleopatras Schicksal nach und unterscheidet sich damit von den beiden Dienerinnen, die ihre Gesichter in einem Tuch oder in den Händen vergraben haben. Mit den emotionsgeladenen Trauergebärden dieser Frauen kontrastieren die Reaktionen der Soldaten am gegenüberliegenden, rechten Bildrand, die dem Geschehen – wenn auch mit gesenkten Häuptern – nahezu unbeteiligt beiwohnen.
Tischbeins Komposition mit der bildparallelen Anordnung des Totenlagers, um das die Personen gruppiert sind, erinnert an zwei Gemälde von Nicolas Poussin, an das »Testament des Eudamidas« (Kopenhagen, Statens Museum for Kunst) und die »Letzte Ölung« (Grantham, Duke of Rutland). Von beiden ist in Tischbeins Nachlass jeweils ein Nachstich verzeichnet (Tischbein, Nachlassverzeichnis, S. 28, Nr. 93l u. 93m). Vor allem aus dem »Testament des Eudamidas« dürfte Tischbein mehrere Elemente übernommen haben: Nicht nur den bildparallelen Aufbau, auch das von links einfallende Licht und die Figur des Arztes. Dieses Gemälde, das sich im 18. Jahrhundert in einer Pariser Privatsammlung befand, war für die an heroischen Tugendbeispielen orientierte Malerei des Klassizismus und seine Totenbettszenen ein einflussreiches Vorbild.
Das Motiv des raumeinnehmenden Baldachins scheint auf den »Tod des Germanicus« des niederländischen Klassizisten Gérard de Lairesse (1640-1711) aus der Kasseler Gemäldegalerie zurückzugehen (MHK, Gemäldegalerie Alte Meister, GK 463). Dort ist das Totenlager, ähnlich wie in Tischbeins Gemälde, wenn auch nicht bildparallel, so doch ebenfalls in der linken Bildhälfte unter einem hohen Baldachin aufgebaut, der ebenfalls von massiven Säulen getragen wird.
Das vorliegende Gemälde und sein Gegenstück kündigen eine strengere klassizistische Formensprache an, die für Tischbeins Historienbilder in der Folgezeit kennzeichnend wird.

Deutsches Museum 1777, S. 370, Nr. 62; Apell 1792, S. 104; Engelschall 1797, S. 103, Nr. 42; Döring 1804, S. 20, Nr. 12; Apell 1805, Teil 2, S. 35; Verzeichnis Wilhelmshöhe 1815, Nr. 30; Kat. Kassel 1819, S. 125, Nr. 778; Kat. Kassel 1830, S. 146, Nr. 904; Kat. Kassel 1845, S. 83, Nr. 904; Parthey 1863-64, Bd. 2, S. 642, Nr. 37; Kat. Kassel 1877, S. 74, Nr. 867; Kat. Kassel 1888, S. 377, Nr. 653; Holtmeyer, Bd. IV, 1910, S. 241; Bahlmann 1911, S. 75, Nr. 58; Kat. Kassel 1913, S. 68, Nr. 688; Luthmer 1934, S. 19, Nr. 47; Kat. Kassel 1958, S. 155, Nr. 688; AK Kassel 1964, S. 11, Nr. 28; AK Cleveland 1964, Nr. 21; AK Kassel 1979, S. 228, Nr. 338; AK Kassel 1989, S. 168, Nr. 39; Tiegel-Hertfelder 1996, S. 140-143 u. S. 338, G 47; Lammel 1998, S. 31f.; Heinz 2001b, S. 54f.


Literatur:
  • Marianne Heinz u.a.: 3x Tischbein und die europäische Malerei um 1800. Kassel/Leipzig/München 2005, Kat.Nr. 16, S. 36, 88.


Letzte Aktualisierung: 10.06.2015


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