Carlo und Ubaldo entdecken Rinaldo in den Armen der Armida (Rinaldo-Armida Zyklus)



Carlo und Ubaldo entdecken Rinaldo in den Armen der Armida (Rinaldo-Armida Zyklus)


Inventar Nr.: 1875/697
Bezeichnung: Carlo und Ubaldo entdecken Rinaldo in den Armen der Armida (Rinaldo-Armida Zyklus)
Künstler: Johann Heinrich d. Ä. Tischbein (1722 - 1789)
Datierung: 1783
Geogr. Bezug: Kassel
Material / Technik: Leinwand
Maße: 111 x 146 cm (Bildmaß)
Umzug NG: 111,0 x 146,0 x 3,6 cm (Objektmaß)
Provenienz:

im Auftrag von Landgraf Friedrich II.

1783 Palais d'Armide

1792 Schloss Weißenstein, Erdgeschoss, Hauptsaal

1804 Schloss Wilhelmshöhe, Weißensteinflügel, Erdgeschoss, Hauptsaal

1805 Schloss Wilhelmshöhe, Audienzsaal

1815 Schloss Wilhelmshöhe, Kirchflügel

1824 Schloss Wabern

1827 Schloss Wilhelmshöhe

1829 Gemäldegalerie

1848 u. 1864 Schloss Bellevue

Beschriftungen: Signatur: bez. u.l.: J. H: Tischbein pinx: 1783.


Katalogtext:
Die dritte Szene des Gemäldezyklus bezieht sich auf den XVI. Gesang aus Tassos »Befreitem Jerusalem«. Die Zauberin Armida hat den Ritter Rinaldo durch den betörenden Gesang einer Nymphe in Schlaf versetzt, ihn mit einer Girlande aus Weiden, Lilien und Rosen gefesselt und auf eine ihrer Inseln entführt, wo ihn schließlich seine Gefährten Carlo und Ubaldo entdecken (Stanzen 17-25). In Tischbeins Gemälde, das er 1783 auf der sechsten Akademieausstellung zusammen mit der darauf folgenden Szene »Carlo und Ubaldo entführen Rinaldo« (1875/698) präsentierte, hat sich das Liebespaar in einer idyllischen Landschaft mit reicher Vegetation an einem Quell vor einem Rosenbusch niedergelassen. Die Zauberin, in blassgelbem Gewand mit großem wallendem, graublauem Seidenmantel, einer Perlenkette und bunten Federn im Haar, hat die Rosengirlande über sich und den Liebhaber gelegt und richtet den Blick auf ihn. Mit der erhobenen rechten Hand, in der sie das Ende der Girlande hält, demonstriert sie ihre Macht über Rinaldo, der sich ergeben ihrer Verführungskunst hingibt. Brustpanzer und Helmbusch hat er bereits abgelegt und hält Armidas Hand und betrachtet sie bewundernd. Carlo und Ubaldo, die sich hinter einem hohen Baum am linken Bildrand versteckt haben, beobachten unbemerkt die Liebesszene. Im Hintergrund der rechten Bildhälfte erhebt sich Armidas Palast als mächtiger Rundbau mit offener Vorhalle, Pilastern und Rundbogenfenstern.
Anders als die übrigen Gemälde der Serie (1875/695, 1875/696, 1875/698) wird das vorliegende vom Komplementärkontrast der in Grüntönen gestalteten Landschaft und den leuchtenden Orangerottönen von Rinaldos Kleidung bestimmt, die im Gegensatz zu Tischbeins früher Gemäldeversion von 1767 (VSG, Weißensteinflügel) nicht in nuancierten Farbabstufungen, sondern eher hart und unvermittelt aufeinander treffen. Die kräftigen Rottöne sowie die diagonal ins Bild gesetzten, ausladenden Körper beider Figuren verleihen ihnen besondere Präsenz.
Die Liebesszene von Armida und Rinaldo war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vor allem in der französischen Malerei ein verbreitetes Sujet. 1724 hatte Jean-Baptiste Mirabaud eine neue französische Tasso-Ausgabe herausgegeben, die auf der Rückseite von Tischbeins Federzeichnung »Rinaldo verlässt Armida« notiert ist (MHK, Graphische Sammlung, Inv. Nr. GS 4556) und als wesentlicher Grund für die erneute Beschäftigung mit dem bereits im 17. Jahrhundert beliebten Bildstoff gilt. François Boucher wählte 1734 das Sujet für sein Aufnahmestück an der Pariser Akademie (Paris, Louvre), und auch Antoine Coypel und sein Sohn Charles-Antoine befassten sich in mehreren Gemälden mit Rinaldo und Armida. Zwei druckgraphische Reproduktionen ihrer Werke finden sich in Tischbeins Nachlassverzeichnis (S. 19, Nr. 22k u. 23c). Anders als in Bouchers Gemälde und in Antoine Coypels »Rinaldo und Armida« aus Schloss Sanssoucci stellte Tischbein das Liebespaar ohne Assistenzfiguren dar und umgab es nicht mit zahlreichen Putten. Auch betonte er die Verführungskunst der Armida, die Rinaldo tief in die Augen blickt und ihn in eine Rosengirlande einwickelt. Das Motiv der Rosengirlande fügte Tischbein erst auf dem vorliegenden Gemälde hinzu. Es taucht weder in der mit 1782 signierten Federzeichnung auf (MHK, Graphische Sammlung, Inv. Nr. GS 4555) noch in der frühen Gemäldeversion (VSG; Weißensteinflügel, GK I 11035) und der dazugehörigen Federzeichnung (Wien, Graphische Sammlung Albertina, Inv. Nr. 6.681).


Archivalien:
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand [zusammengestellt von]: Verzeichniß der Gemälde auf Wilhelmshöhe im Kurfürstl. Schloß daselbst. 1815, Nr. 17.
Literatur:
  • Apell, David von: Cassel und die umliegende Gegend. Eine Skizze für Reisende. Kassel 1792, Kat.Nr. 15, S. 103.
  • Engelschall, Josef Friedrich: Johann Heinrich Tischbein d. Ä., ehemaliger Fürstlich-Hessischer Rath und Hofmaler, als Mensch und Künstler dargestellt, nebst einer Vorlesung von Casparson. Nürnberg 1797, Kat.Nr. 16, S. 95.
  • Döring, Wilhelm: Beschreibung des Kurfürstlichen Landsitzes Wilhelmshöhe bey Cassel. Kassel 1804, Kat.Nr. 13, S. 18.
  • Apell, David von: Cassel in historisch-topographischer Hinsicht. Nebst einer Geschichte und Beschreibung von Wilhelmshöhe und seinen Anlagen. Marburg 1805, S. 34 (Teil 2).
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der Kurfürstlich Hessischen Gemählde-Sammlung. Cassel 1819, Kat.Nr. 759, S. 123.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Verzeichniß der Kurfürstlichen Gemählde-Sammlung. Cassel 1830, Kat.Nr. 884, S. 144.
  • Auszug aus dem Verzeichnisse der Kurfürstlichen Gemälde-Sammlung. Kassel 1845, Kat.Nr. 884, S. 82.
  • Parthey, Gustav: Deutscher Bildersaal. Verzeichnis der in Deutschland vorhandenen Ölbilder verstorbener Maler aller Schulen. Berlin 1863/64, Kat.Nr. 54, S. 642 (Bd. 2).
  • Bahlmann, Hermann: Johann Heinrich Tischbein. Straßburg 1911, Kat.Nr. 63, S. 75.
  • Luthmer, Kurt: Die hessische Malerfamilie Tischbein. Verzeichnis ihrer Mitglieder und einer Auswahl ihrer Werke. Kassel 1934, Kat.Nr. 69, S. 20.
  • Marianne Heinz [Bearb.]; Erich Herzog [Bearb.+ Hrsg.]: Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (1722 - 1789), Kassel trifft sich - Kassel erinnert sich in der Stadtsparkasse Kassel. Kassel 1989, Kat.Nr. 14, S. 191.
  • Torquato Tasso in Deutschland. Düsseldorf 1995, S. 52.
  • Ritter-Santini, Lea: Stumme Erzählungen. Armida, Erminia, Clorinda und ihre Maler. In: Torquato Tasso in Deutschland (1995), S. 575-608, S. 587.
  • Tiegel-Hertfelder, Petra: "Historie war sein Fach". Mythologie und Geschichte im Werk Johann Heinrich Tischbeins d. Ä. (1722-1789). Worms 1996, S. 225-233, 371, G112, 422, Z78, 334, G38, 400, Z30.
  • Heraeus, Stefanie [Bearb.]; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: Spätbarock und Klassizismus. Bestandskatalog der Gemälde in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel [u.a.] 2003, Kat.Nr. 208, S. 244-245.


Letzte Aktualisierung: 20.09.2017


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