Die Muse Melpomene (Die neun Musen)



Die Muse Melpomene (Die neun Musen)


Inventar Nr.: GK 700 (1875/737)
Bezeichnung: Die Muse Melpomene (Die neun Musen)
Künstler: Johann Heinrich d. Ä. Tischbein (1722 - 1789)
Datierung: 1771
Geogr. Bezug: Kassel
Material / Technik: Leinwand, doubliert
Maße: 38 x 48 cm (Bildmaß)
Umzug NG: 44,0 x 54,5 x 5,5 cm (Objektmaß)
Provenienz:

im Auftrag von Landgraf Friedrich II.

1804 Schloss Wilhelmshöhe, Corps de logis, zweites Geschoss, in einem Vorzimmer der Bibliothek

1815 Schloss Wilhelmshöhe, Erdgeschoss, Marmorsaal

1829 Gemäldegalerie

Beschriftungen: Signatur: bez. u.l. (auf der Säulenbasis): JHTischbein (Initialen ligiert) pinx. 1771


Katalogtext:
Die neun Musen

Bereits Anfang der 1760er Jahre hatte Tischbein d. Ä. einen Musenreigen für den Festsaal im Obergeschoss des Schlosses Wilhelmsthal gemalt. Mit dem Sujet setzte er ein in höfischen Selbstdarstellungen verbreitetes Bildprogramm um, das den Herrscher als Schutzpatron und Förderer der Künste vorstellt. Ludwig XV. ließ in den 1740er Jahren das Medaillenkabinett seiner königlichen Bibliothek von Charles Vanloo (1705-1765), François Boucher (1703-1770) und Charles Joseph Natoire (1700-1777) mit einem Musenzyklus ausmalen. Der preußische König Friedrich II. hatte seinen Hofmaler Antoine Pesne (1683-1757) zur selben Zeit mit einem Deckengemälde der neun Musen für das Speisezimmer in Schloss Charlottenburg in Berlin beauftragt. Auch Herzog Carl Eugen wählte dieses Bildprogramm für den Musiksaal des 1746 erbauten Stuttgarter Schlosses, dessen Decke er durch Matthäus Günther (1705-1788) gestalten ließ.
Tischbein griff das Sujet erneut auf, als er um 1777 im Auftrag von Friedrich Fürst von Waldeck und Pyrmont einen Saal des Sommerschlosses in Bad Pyrmont mit den dichtenden Künsten in Gestalt der neun Musen ausmalte, denen er Allegorien der Malerei und Bildhauerei zur Seite stellte. Den vorliegenden Musenzyklus schuf er im Auftrag Landgraf Friedrichs II., wobei der ursprüngliche Aufstellungsort für die kleinformatigen Gemälde nicht bekannt ist. Unter Kurfürst Wilhelm I. hingen sie in einem Vorzimmer der Bibliothek im Weißensteinflügel des neu errichteten Schlosses Wilhelmshöhe.
Tischbein begann die Serie bereits Anfang der 1770er Jahre, vollendete sie aber erst 1782. Bei der Kleidung, der Gestensprache und den Attributen griff er auf seine früheren Konzeptionen zurück. Sowohl in Wilhelmsthal und Bad Pyrmont als auch in der vorliegenden Gemäldeserie sind die Musen durch ihre aus der Emblematik tradierten Attribute gekennzeichnet. Darüber hinaus tauchen Beigaben auf, die nicht aus der »Iconologia« des Cesare Ripa, sondern aus zeitgenössischen Bildzeugnissen stammen. Anders als in Wilhelmsthal und Bad Pyrmont, wo jeweils zwei Musen zusammen als Paar erscheinen, hat Tischbein hier die Musen einzeln und ohne die Führung Apolls in Szene gesetzt und antikische Versatzstücke im Hintergrund hinzugefügt. Betrachtet man alle neun Musen nebeneinander, so fällt auf, dass im steten Wechsel einmal ihr Blick auf den Betrachter gerichtet, dann wieder von ihm abgewandt ist.

Bleibaum 1926, S. 77-79 (Musensaal in Schloss Wilhelmsthal); Lösche 1989, S. 45-51; Tiegel-Hertfelder 1996, S. 107-114 u. 115-117.


Die »Muse Melpomene«, die Tischbein d. Ä. mit »1771« signiert hat, ist das früheste Gemälde aus dem neunteiligen Musenzyklus im Kabinettformat. Vermutlich entstand es zusammen mit der »Thalia« (1875/736), während Tischbein die übrigen sieben Musen erst zehn Jahre später, zwischen 1780 und 1782, malte.
Melpomene, die »musa imperatrix«, die Anführerin der Musen und Muse der Tragödie, sitzt in einem hellgrauen Gewand und einem hermelingefütterten hellblauen Mantel mit goldenen Ornamenten vor einem grünen Vorhang und stützt sich auf ein Säulenpostament. Ihr Haar ist mit Federn und Perlen geschmückt. Unmittelbar an den vorderen Bildrand gerückt, hält sie in der rechten den erhobenen Dolch und in der linken Hand das Szepter. Auf dem Postament neben ihr sind auf einem roten Kissen ihre typischen Attribute drapiert: die tragische Maske, ein Lorbeerkranz und eine goldene Krone, eine Schriftrolle, ein Helmbusch und ein Buch, auf dessen aufgeschlagener Seite in griechischen Buchstaben der Titel von Euripides’ Tragödie »Iphigenie in Aulis« zu lesen ist. Pentimenti am Oberkörper der Melpomene deuten darauf hin, dass sie zunächst ein Band trug, das schräg über ihre rechte Schulter verlief.
Tischbein griff hier eine Bildkonzeption auf, die er ein Jahr zuvor für eine Supraporte im Gartenschlafzimmer der Waldeckischen Fürsten in Schloss Arolsen entworfen hatte. Parallelen im Bildaufbau lassen sich auch zu der »Tragödie« von Tischbeins Lehrer Vanloo feststellen, die dieser um 1750 im Auftrag von Madame Pompadour gemalt hatte (Moskau, Puschkin-Museum). Tischbein besaß, wie sein Nachlassverzeichnis belegt, von dem Gemälde einen Nachstich (S. 34, Nr. 138). Bei Vanloo sitzt Melpomene als ganze Figur vor einer Säulenarchitektur und stützt sich mit dem linken Arm auf einen Tisch, auf dem ihre Attribute angeordnet sind. Tischbein hat aus der Komposition Vanloos nur einen Ausschnitt gewählt und ist zudem von der starken Untersicht abgewichen. Statt der Wolken, die dort im Hintergrund zwischen den Säulen aufziehen, wird in seinem Gemälde zur Rechten der Melpomene der Blick freigegeben auf antike Bauwerke, auf einen Torbogen mit zwei Säulen, dessen Attika von einem Siegesmal bekrönt wird, und auf eine Ehrensäule mit einer Figur, die recht ähnlich auch im Gemälde der »Klio« (1875/732) auftaucht.


Archivalien:
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand [zusammengestellt von]: Verzeichniß der Gemälde auf Wilhelmshöhe im Kurfürstl. Schloß daselbst. 1815, Nr. 88.
Literatur:
  • Döring, Wilhelm: Beschreibung des Kurfürstlichen Landsitzes Wilhelmshöhe bey Cassel. Kassel 1804, Kat.Nr. 3-11, S. 15.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der Kurfürstlich Hessischen Gemählde-Sammlung. Cassel 1819, Kat.Nr. 811, S. 129.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Verzeichniß der Kurfürstlichen Gemählde-Sammlung. Cassel 1830, Kat.Nr. 938, S. 151.
  • Aubel, Carl: Verzeichnis der in dem Lokale der Neuen Gemälde-Gallerie zu Cassel befindlichen Bilder. Kassel 1877, Kat.Nr. 880, S. 75.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 665, S. 382.
  • Bahlmann, Hermann: Johann Heinrich Tischbein. Straßburg 1911, Kat.Nr. 23, S. 74.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 700, S. 69.
  • Jahrhundertausstellung deutscher Kunst 1650-1800. Darmstadt 1914, Kat.Nr. 679.
  • Luthmer, Kurt: Die hessische Malerfamilie Tischbein. Verzeichnis ihrer Mitglieder und einer Auswahl ihrer Werke. Kassel 1934, Kat.Nr. 48, S. 19.
  • Vom Rokoko zur Romantik. Kassel 1946, Kat.Nr. 9, S. 4.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 700, S. 156.
  • Herzog, Erich [Bearb.]: Johann Heinrich Tischbein d. Ä. 1722-1789. Kassel 1964, Kat.Nr. 30, S. 11.
  • Marianne Heinz [Bearb.]; Erich Herzog [Bearb.+ Hrsg.]: Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (1722 - 1789), Kassel trifft sich - Kassel erinnert sich in der Stadtsparkasse Kassel. Kassel 1989, Kat.Nr. 49, S. 171.
  • Tiegel-Hertfelder, Petra: "Historie war sein Fach". Mythologie und Geschichte im Werk Johann Heinrich Tischbeins d. Ä. (1722-1789). Worms 1996, Kat.Nr. G 56, S. 115, 342.
  • Heraeus, Stefanie [Bearb.]; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: Spätbarock und Klassizismus. Bestandskatalog der Gemälde in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel [u.a.] 2003, Kat.Nr. 212, S. 250-251.


Letzte Aktualisierung: 09.11.2017


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