Selbstbildnis in mittleren Jahren



Selbstbildnis in mittleren Jahren


Inventar Nr.: GK 985a (1875/1418)
Bezeichnung: Selbstbildnis in mittleren Jahren
Künstler: Johann Heinrich d. Ä. Tischbein (1722 - 1789), Künstler, Dargestellt
Dargestellt: Johann Heinrich d. Ä. Tischbein (1722 - 1789)
Datierung: um 1760
Geogr. Bezug: Kassel
Material / Technik: Leinwand
Maße: Umzug NG: 91,5 x 73,5 x 6,0 cm (Objektmaß)
80,8 x 62,4 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben 1963 von Walter Baumgarten, Santiago de Chile


Katalogtext:
In dem Halbfigurenporträt, das knapp zehn Jahre nach dem »Selbstbildnis in jüngeren Jahren« (1875/1246) entstanden ist, präsentiert sich Tischbein d. Ä. vor neutralem dunklem Grund als galanter Kavalier. Seine Körperhaltung ist äußerst kontrolliert. Den Oberkörper leicht nach links gedreht, wendet er den Kopf frontal zum Betrachter. Die linke Hand ist unter die Weste geschoben – eine typische Gebärde der modischen Etikette eines Kavaliers –, die rechte hält den schwarzen Dreispitz. Jegliche Accessoires, die auf den Beruf deuten würden, fehlen. Der Künstler stellt hier nicht seine Funktion als Hofmaler dar, sondern seinen sozialen Status. Der mit goldenen Knöpfen und gestickten Blattornamenten kostbar verzierte, violettgraue Justaucorps und die hellblaue Weste mit Goldborte, unter der das weiße Spitzenjabot hervorschaut, weisen ihn als Teil der höfischen Gesellschaft aus. Zu diesem Auftreten passen auch die grau gepuderte Perücke mit dem modischen Haarbeutel und deren schwarze, über die Halsbinde fallende Bänder, die »solitaires«. Im Vergleich zum früheren Selbstporträt ist die Darstellung weniger detailreich, die Formen wirken kompakter und stärker in sich geschlossen.
Tischbeins Auftreten in leichter Untersicht und mit direktem, durchdringendem Blick vermittelt den Eindruck einer energischen, selbstsicheren Persönlichkeit. Die Beschreibung, die sein Zeitgenosse Josef Friedrich Engelschall in der ersten Monographie über den Maler aus dem Jahr 1797 gegeben hat, wirkt wie eine Bestätigung dieses Eindrucks: »Ruhe und inneres Bewußtsein war der herrschende Charakter seines Angesichts. Ein gewisser tief in sich gekehrter Sinn, der sich besonders auf der gefurchten Stirne und im suchenden Auge äußerte, gab seiner Physiognomie ein ganz eigenes Gepräge von Nachdenken und Ernst [...]. Für den Fremden, der ihn alsdann besuchte, hatte sein durchdringender Blick etwas Zurückstoßendes, das sich aber bald in Güte und Gefälligkeit verlor. Man mußte ihn genauer kennen, um zu wissen, daß Freundlichkeit ein Hauptzug seines Charakters war, dem man sehr gerne das nicht Einladende seines ersten Empfangs in Stunden der Beschäftigung verzieh « (Engelschall 1797, S. 74).
Ein solches Werk wird seinen Platz zwischen den Standesporträts in der Familiengalerie gehabt haben. Gegenstück dürfte das 1761 datierte, beinahe gleich große Porträt von Tischbeins erster Frau Marie Sophie (1726-1759) aus der Hamburger Kunsthalle gewesen sein, das der Maler zwei Jahre nach dem Tod seiner Gattin gemalt hat. Ein diesem Bildnis ähnliches, einige Jahre früher ausgeführtes Porträt gehört zum Kasseler Gemäldebestand (1875/1193). In der Körperhaltung und dem Blau-Grau-Akkord des Kolorits, dem leuchtendblauen Samtmantel mit dem grauen Pelzbesatz, scheint es auf Tischbeins Selbstbildnis abgestimmt zu sein. Marie Sophie hat ihren Oberkörper leicht nach links gedreht, so dass sich die beiden Bildnisse – Tischbein links, seine Frau rechts – zu einem Bilderpaar ergänzen würden. Entstanden wäre das Selbstporträt somit wenige Jahre nach Tischbeins »Selbstbildnis mit seiner ersten Frau am Spinett« in der Berliner Gemäldegalerie, das in die Zeit um 1756/57 datiert wird, und nach dem Gruppenporträt der Familie Timmermann von 1758 (M 1990/8), zwei Gemälden, in denen sich der Maler ganz ähnlich wie im vorliegenden Bildnis dargestellt hat.
Aufbau, Kleidung und Körperhaltung des Selbstbildnisses, insbesondere die linke, in die Weste geschobene Hand, folgen verbreiteten Formulierungen ständischer Repräsentation nach französischem Vorbild. Vergleichbar sind die Bildnisse von Louis Tocqué, etwa das eines Unbekannten aus den 1750er Jahren (Musée National du Château de Versailles, Inv. Nr. MV 3885).
Die auf Eleganz und Stand abzielenden Porträts Tocqués mit dem Schönheitsideal des französischen Rokoko waren zusammen mit den Werken von Jean Marc Nattier (1685-1766), François Boucher (1703-1770) und Carle Vanloo (1705-1765) Tischbeins zentrale Vorbilder. Der mehrjährige Studienaufenthalt in Paris hatte seinen Porträtstil maßgeblich geprägt, zudem war der französische Kultureinfluss in Kassel während der Regierungszeit von Landgraf Friedrich II. (1760-1785) besonders stark.

Kat. Hamburg 1956, S. 155, Nr. 560 (zum Porträt der Gattin); AK Kassel 1964, S. 10, Nr. 19; Herzog 1967a, S. 152; Becker 1971, S. 35; Kaiser 1976, S. 13; AK Bad Pyrmont 1989, S. 43; AK Kassel 1989, S. 56, Abb. 7, S. 162, Nr. 20; AK Arolsen 1992, S. 227, Nr. 87; AK Kassel 1996, S. 31, Nr. 5; Flohr 1997, S. 244, G 169.



Letzte Aktualisierung: 30.01.2017


Wissenschaftliche Kommentare:

Hier können Sie uns Anmerkungen und Kommentare zu unseren Objekten hinterlassen, die nach Sichtung durch unsere Mitarbeiter allen Lesern angezeigt werden. Gerne können Sie uns dabei auch Ihren Namen und Ihre Institution nennen, es ist aber nicht erforderlich. Sie können uns auch Ihre E-Mail-Adresse mitteilen, die ausdrücklich nur von unseren Mitarbeitern eingesehen werden kann.

Bisher wurden keine Kommentare geschrieben.

Einen neuen Kommentar hinzufügen.




© Museumslandschaft Hessen Kassel 2017
Datenschutzhinweis | Impressum