Marianne Pernette Tischbein, des Malers zweite Gattin



Marianne Pernette Tischbein, des Malers zweite Gattin


Inventar Nr.: GK 719c (1875/1192)
Bezeichnung: Marianne Pernette Tischbein, des Malers zweite Gattin
Künstler: Johann Heinrich d. Ä. Tischbein (1722 - 1789)
Datierung: 1762
Geogr. Bezug: Kassel
Material / Technik: Leinwand
Maße: 84,5 x 69,5 cm (rechts ca. 2 cm, oben ca. 0,5 cm umgeschlagen) (Bildmaß)
Provenienz:

erworben 1908 von Max Cramer, Kassel

bis 1789 in Tischbeins Wohnhaus, Kassel

Beschriftungen: Signatur: bez. verso: J H T Pinx. 1762


Katalogtext:
Als Halbfigur im Dreiviertelprofil hat Tischbein d. Ä. seine zweite Frau Julie Marianne Pernette vor neutralem dunkelbraunem Grund mit einem Vorhang am linken Bildrand wiedergegeben. Wie in einer Theaterloge sitzt sie, leicht nach links gewandt, auf einem grünen Fauteuil und stützt den rechten Arm auf eine grünseidene Brüstung, auf die in weichen Falten der Stoff ihres Umhangs und Kleides fällt. Offenen Blickes wendet sie sich direkt zum Betrachter. Das Buch mit dem buntmarmorierten Einband, das sie in der linken Hand hält, ist in Frauenbildnissen dieser Zeit ein häufig auftauchendes Attribut.
Das Bildnis ist mit »1762« signiert. Im Sommer 1763 hat Tischbein Julie Marianne Pernette (1738-1764), geb. Robert, geheiratet. Sie war die jüngere Schwester seiner ersten Frau Marie Sophie (1875/1193), die 1759 nach nur dreijähriger Ehe gestorben war. 1764 starb auch Marianne Pernette.
In Anlehnung an die elegante französische Porträtmalerei in der Art von Jean-Marc Nattier (1685-1766) und Louis Tocqué (1696-1772) präsentierte Tischbein seine zukünftige Frau. Wie in vielen seiner Gemälde setzte er die Kleidung, deren Stofflichkeit und Details, minutiös und mit hoher Meisterschaft in Szene. Die kostbare Mantille über dem tief ausgeschnittenen Kleid aus grauschimmernder Seide mit Blumenmotiven und Spitzenbordierung zieht den Blick ebenso auf sich wie die fein gemalten, weißen Spitzen an Dekolleté und Manschetten. Diese aus den Niederlanden und Frankreich importierten kostspieligen Klöppel- und Nadelspitzen waren in der Mitte des 18. Jahrhunderts das wichtigste modische Zubehör der Kleidung, schmückendes Element und Standeszeichen zugleich. Der französischen Mode entsprechend ziert den Hals ein gerüschtes grauseidenes Band mit Schleife und Brosche. Im grau gepuderten Haar, das in weichen Wellen zu einem Nackenknoten gebunden ist, steckt ein Sträußchen grauer Kunstblumen. Auf dem Hinterkopf ist der Ansatz eines flachen weißen Spitzenhäubchens zu erkennen.
Dient die Kleidung als Ausdruck gesellschaftlichen Ranges, den der Maler hier für seine zukünftige Ehefrau beansprucht, so ist sie doch der »liebenswürdigen Verbindlichkeit« der Dargestellten untergeordnet: »Dieser persönliche Zug ist nicht nur dadurch bedingt, daß die Dargestellte Gattin des Malers ist, sondern ist ein Stilmittel Tischbeins, das ihn von französischen Vorbildern unterscheidet« (Börsch-Supan, in: Keller 1971, S. 413).
Das Motiv der Brüstung, das die Porträtierte dicht an den vorderen Bildrand rückt und den Betrachter in den gemalten Bildraum einbezieht, trägt wesentlich zum Eindruck von Intimität und Privatheit bei. Unterstützt wird dies durch das von links oben einfallende Licht, das die Figur aus dem dämmrigen Halbdunkel ihrer Umgebung hervortreten lässt und die Gesichtszüge und das fein abgestufte Inkarnat weich modelliert. Durch die subtile Lichtregie, die helle und dunkle Partien gegeneinander abwägt, aber auch durch den Gesamtton der Farbgebung wird die Bildpräsenz der Dargestellten gesteigert.
Tischbein, der seine beiden Ehefrauen und Töchter wiederholt porträtiert hat, fertigte von dem vorliegenden Bildnis mehrere Fassungen an. Eine schwächere Version wird im Kunstmuseum in Bern (Inv. Nr. 504) aufbewahrt, eine weitere im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum, Schloss Gottorf (Inv. Nr. 1987/543). Ein früheres, 1756 ausgeführtes Bildnis der Marianne Pernette hängt in der Schönheiten-Galerie zu Schloss Wilhelmsthal bei Kassel, die Tischbein im Auftrag Wilhelms VIII. ausführte.

Engelschall 1797, S. 41 u. 119, Nr. 7 (?); Bahlmann 1911, S. 13f. u. 72, Nr. 12; Kat. Kassel 1913, S. 71, Nr. 719c; Bleibaum 1926, S. 52f., Nr. 6 (Bildnis von 1756); Kat. Kassel 1929, S. 82, Nr. 719c; Luthmer 1934, S. 16, Nr. 27; Thieme/Becker, Bd. 33, 1939, S. 210; AK Kassel 1946, S. 4, Nr. 1; Heusinger 1957/58, S. 20; Kat. Kassel 1958, Nr. 719c; AK Kassel 1964, S. 10, Nr. 20; Herzog 1967a, S. 162, Nr. 32; Keller 1971, S. 413, Nr. 408; Kat. Paris 1974, Bd. 1, Nr. 54 u. Bd. 2, Nr. 593 (französ. Vorbilder); Spielmann 1987, o. S.; AK Kassel 1989, S. 162, Nr. 22; Ilona Lehnart, Die schöne Frau Tischbein, in: Hessische-Niedersächsische Allgemeine, 29.10.1995, S. 29; Tiegel-Hertfelder 1996, S. 29 (nur biograph. Angaben); Flohr 1997, S. 103f. u. 235, G 150-152.



Letzte Aktualisierung: 30.01.2017


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