Wilhelmine Caroline Amalie Tischbein



Wilhelmine Caroline Amalie Tischbein


Inventar Nr.: LM 1940/481
Bezeichnung: Wilhelmine Caroline Amalie Tischbein
Künstler: Johann Heinrich d. Ä. Tischbein (1722 - 1789)
Datierung: 1773
Geogr. Bezug: Kassel
Material / Technik: Leinwand, doubliert
Maße: Umzug NG: 76,6 x 61,3 x 6,0 cm (Objektmaß)
66,8 x 52 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben 1940 aus dem Nachlass Alexander Fiorinos, Kassel

Beschriftungen: Signatur: bez. verso: J. H. Tischbein gemalt 1773; Klebezettel: Amalie Tischbein, geboren 1757, gemalt 1773 von dem Vater Johann Heinrich Tischbein


Katalogtext:
Das Halbfigurenporträt im Dreiviertelprofil zeigt Amalie Tischbein (1757-1839), die ältere Tochter des Malers, im Alter von 16 Jahren. Sitzend, nach rechts gewandt, stützt sie den linken Arm auf eine Brüstung, die mit blassrotem Stoff überzogen ist, und blickt den Betrachter an. Sie trägt eine spitzenbesetzte Mantille aus schwarzer Seide, unter der ihr dunkelgrünes Kleid mit der gleichfarbigen Miederschleife und dem weißen Brusttuch hervorschaut. Ihr Hals wird von einem schmalen, eng anliegenden, schwarzen Samthalsband geziert, und das kunstvoll hochgesteckte, grau gepuderte Haar ist mit einem dunkelgrünen Band und weißer Gaze aufgeputzt.
Tischbein gab seiner Tochter einen mit Figuren und Blumen bunt bemalten Fächer in die rechte Hand. Dieses kostspielige modische Beiwerk war ein unentbehrliches Accessoire weiblicher Koketterie, ebenso die langen rotbraunen Handschuhe, von denen einer auf der Brüstung abgelegt ist und der andere die linke Hand bekleidet.
Wilhelmine Caroline Amalie saß ihrem Vater oft Modell. Tischbeins Freund Casparson hob in seiner Gedenkrede auf den Maler hervor, sie sei »in so manchem seiner historischen Gemälde zu finden. Denn das Bild dieser sanften Frau blieb seiner Zärtlichkeit allezeit tief eingebunden« (Casparson 1790, S. 164). Amalie war ebenfalls Malerin, Zeichnerin und Miniaturmalerin, zunächst in Weimar, dann in Kassel. Miniaturbildnisse von ihr waren etwa 1914 auf der Darmstädter Jahrhundert-Ausstellung zu sehen (AK Darmstadt 1914, Nr. 106-108). 1778 heiratete sie David Philipp von Apell (1754-1833). Er war Assessor bei der Kriegs- und Domänenkammer in Kassel; später unter Landgraf Wilhelm IX. wurde er Geheimer Kammerrat und Intendant des Hoftheaters. Er hat einige Opern komponiert und 1792 den Reiseführer »Cassel und die umliegende Gegend« publiziert, der ein wichtiges Zeugnis zum Kasseler Hofleben und zu den landgräflichen Kunstsammlungen ist.
Im Vergleich zu anderen Porträts von Tischbein d. Ä. aus dieser Zeit (1875/1624, 1875/1086) verwendete er hier stärkere Farbkontraste. Der Skala aus Braun-Rot-Schwarz setzte er die kühlen Weißtöne des hell geschminkten Gesichts und des Dekolletés sowie das Russischgrün des Kleides entgegen. Sie lassen das Porträt vor dem braun gestalteten Hintergrund deutlich hervortreten und betonen die feinen Gesichtskonturen des jungen Mädchens.
In Körperhaltung und Erscheinung weist das Porträt Parallelen zu dem ein Jahr später gemalten, im Zweiten Weltkrieg verbrannten Familienbildnis aus Tischbeins Wohnhaus auf, in dem sich der Maler mit seinen beiden Töchtern dargestellt hat. Zudem erwähnt Luthmer in seiner Publikation von 1934 ein »fast gleichartiges Bildnis – die Dargestellte stimmt die Geige – im Besitz von R. Gimpel, Paris«, über dessen Verbleib nichts bekannt ist. Das Gemälde »Le Silence (Die Verschwiegenheit)« in Schloss Fasanerie und die vorbereitende Rötelzeichnung zeigen wohl ebenfalls Tischbeins Tochter, wiederum in nahezu derselben Haltung auf eine Brüstung gestützt (Eichenzell, Hessische Hausstiftung, Inv. Nr. FAS B 241 u. MHK, Graphische Sammlung, Inv. Nr. GS 453 a).


Literatur:
  • Luthmer, Kurt: Die hessische Malerfamilie Tischbein. Verzeichnis ihrer Mitglieder und einer Auswahl ihrer Werke. Kassel 1934, Kat.Nr. 34, S. 17.
  • Marianne Heinz [Bearb.]; Erich Herzog [Bearb.+ Hrsg.]: Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (1722 - 1789), Kassel trifft sich - Kassel erinnert sich in der Stadtsparkasse Kassel. Kassel 1989, Kat.Nr. 3, S. 191.
  • Die Kasseler Sammlung Alexander Fiorino. Katalog zur Ausstellung in der Neuen Galerie 12. Juni - 11. September 1994. Kassel 1994, Kat.Nr. 35, S. 121.
  • Flohr, Anna-Charlotte: Johann Heinrich Tischbein d.Ä. (1722-1789) als Porträtmaler mit einem kritischen Werkverzeichnis. München 1997, S. 107, 237.
  • Zwischen Ideal und Wirklichkeit. Künstlerinnen der Goethe-Zeit zwischen 1750 und1850. Gotha 1999, S. 347.
  • Heraeus, Stefanie [Bearb.]; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: Spätbarock und Klassizismus. Bestandskatalog der Gemälde in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel [u.a.] 2003, Kat.Nr. 249, S. 290-292.


Letzte Aktualisierung: 28.09.2017


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