Selbstbildnis im Alter



Selbstbildnis im Alter


Inventar Nr.: GK 711 (1875/751)
Bezeichnung: Selbstbildnis im Alter
Künstler: Johann Heinrich d. Ä. Tischbein (1722 - 1789), Künstler, Dargestellt
Dargestellt: Johann Heinrich d. Ä. Tischbein (1722 - 1789)
Datierung: 1782
Geogr. Bezug: Kassel
Material / Technik: Leinwand, doubliert
Maße: 86 x 71 cm (Bildmaß)
Umzug NG: 98,0 x 83,0 x 6,0 cm (Objektmaß)
Provenienz:

Kunstakademie

erworben vor 1816

Beschriftungen: Signatur: bez. (auf der Zeichenmappe): me ipsum pinxi J: H: Tischbein Hass. Cass. 1782


Katalogtext:
In diesem Altersbildnis, dem letzten bedeutenden Selbstporträt von Tischbein d. Ä., gibt sich der Maler als reifer, räsonierender Künstler, als moderner »peintre philosophe« der Aufklärung, in einem rotbraunen, mit grauem Pelz gefütterten Hausrock. Seine Augen sind zwar auf den Betrachter gerichtet, tatsächlich aber scheint der Blick nach innen gekehrt zu sein: Die Hand mit dem Zeichenstift ruht, der Maler ist in Gedanken vertieft. Ähnlich wie in dem frühen Selbstbildnis aus den 1750er Jahren (1875/1246) hat er sich vor einer Staffelei mit einem bereits als Skizze begonnenen Gemälde dargestellt. Bezeichnenderweise steht hier auf der Staffelei die »Allegorie auf die Gründung der Kasseler Kunstakademie« (GK 941), die Tischbein um 1778 für die Akademie gemalt hatte. Die wie zufällig auf dem Tisch abgelegten beiden Bände von Johann Georg Sulzers »Allgemeiner Theorie der Schönen Künste« (1771-74) verweisen zunächst ganz allgemein auf Tischbeins Selbstverständnis als Akademielehrer in der Rolle des »pictor doctus«. Darüber hinaus sind sie ein ausdrücklicher Hinweis auf das veränderte zeitgenössische Porträtverständnis. Tischbein hat hier eine neue Auffassung vom Porträt formuliert, wie sie sich im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts durchzusetzen begann. Im Vergleich zu den beiden früheren Selbstbildnissen (1875/1246, 1875/1418) fällt die Konzentration auf den Gesichtsausdruck auf. Nicht nur der Bildausschnitt, auch der Helldunkelkontrast akzentuiert Gesicht und Hände. Es wird wenig Wert auf dekorative Äußerlichkeiten gelegt, etwa auf Details der Kleidung, auf Schleifenbänder an der Zeichenmappe oder andere Accessoires, die den Blick des Betrachters ablenken könnten.
Sulzer hatte im zweiten Band der »Allgemeinen Theorie der Schönen Künste« – der im Gemälde zuoberst liegt – seinen berühmten Artikel zum Porträt publiziert. Dieser Text sollte die Bildnismalerei bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts maßgeblich beeinflussen. Sulzer erklärte darin den Porträtmaler zum »Seelenmahler«, der anstelle äußerer, idealisierender Repräsentation mit psychologischem Gespür die »menschliche Seele« und das jeweilige Wesen des Dargestellten künstlerisch zu erfassen habe. Der Betrachter sollte im Porträtierten gleich wie vor einer wahrhaften Person dessen Charakter empfinden können. Neben theoretischen Erörterungen gab Sulzer auch ganz praktische Hinweise. Ausführlich legte er dar, wie die Hinlenkung auf den Gesichtsausdruck durch Lichtführung, Körperhaltung, Farbgebung und die Ausschnittwahl des Brustbildes künstlerisch zu realisieren sei: »Überhaupt muß das Licht so gewählt sein, daß das Gesicht sein eigentlicher Mittelpunkt ist und die Stelle des Gemähldes wird, auf die das Auge immer zurück geführt wird« (Bd. 2, S. 721). Mit dem »Selbstbildnis im Alter« nähert sich Tischbein dem psychologisierenden bürgerlichen Porträt des ausgehenden 18. Jahrhunderts, wie es in Deutschland vor allem die Bildnisse Anton Graffs verkörpern (vgl. 1875/1224, L 83, 1875/1446), die Sulzer in seinem Artikel eigens lobend hervorhob.
Tischbein vermachte das programmatische Selbstporträt, das im März 1782 auf der fünften Akademieausstellung zu sehen war, der Kasseler Kunstakademie. Von dem Gemälde, das 1789 von Johann Carl Müller gestochen wurde, sind zwei etwas abweichende Fassungen bekannt, von denen die eine in Privatbesitz, die andere in Schloss Pyrmont aufbewahrt wird. Eine Wiederholung, die den Maler im Ausschnitt des Brustbildes zeigt, malte Tischbein für Gleims Freundschaftstempel zu Halberstadt. Den verschiedenen Gemäldefassungen ging eine Zeichnung in Kreide und Rötel voraus, die den Maler als Halbfigur mit pelzverbrämtem Mantel zeigt und die mit 1781 signiert ist (Kunstsammlungen zu Weimar, Inv. Nr. KK 1516). Zudem sind fünf Selbstbildnisse überliefert, die um 1781 gemalt sind und in denen sich Tischbein in recht ähnlicher Pose mit Mappe und Zeichenstift, aber ohne das ihn umgebende Interieur präsentiert (vgl. Flohr 1997, S. 247f., G 175-179).

Sulzer 1771-74, Bd. 2, S. 718-723; Nachricht von der Fürstl. Hessischen Akademie der Malerei-, Bildhauer- und Baukunst, in: Hessische Beiträge zur Gelehrsamkeit und Kunst 1, 3. St., 1785, S. 405; Engelschall 1797, S. 119, Nr. 8; Kat. Kassel 1877, Nr. 891; Kat. Kassel 1888, Nr. 677;Woltmann/Woermann 1888, S. 1019; AK Berlin 1906, S. 232, Nr. 1785; Bahlmann 1911, S. 6, 19 u. S. 71, Nr. 1; Kat. Kassel 1913, S. 70, Nr. 711; AK Kassel 1927, S. 52, Nr. 180; Kat. Kassel 1929, S. 81, Nr. 711; Luthmer 1934, S. 17, Nr. 36; Thieme/Becker, Bd. 33, 1939, S. 210; Preime 1942, S. 91; Kat. Kassel 1958, S. 156, Nr. 711; AK Kassel 1964, S. 13, Nr. 45b; Kaiser 1976, S. 13; AK Kassel 1979, S. 229, Nr. 343; Schmidt 1987, S. 63, Nr. 3; AK Bad Pyrmont 1989, S. 41-43; AK Kassel 1989, S. 166, Nr. 31; Kanz 1993, S. 99-105 (zur Porträtauffassung); Flohr 1997, S. 54f., 119 u. 249, G 180; Flohr 2000, S. 2214.


Literatur:
  • 3x Tischbein und die europäische Malerei um 1800. Kat. Staatliche Museen Kassel, Museum der bildenden Künste Leipzig. München 2005, Kat.Nr. 50, S. 168.


Letzte Aktualisierung: 20.09.2017


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