Pygmalion vor der Statue der Venus, Skizze



Pygmalion vor der Statue der Venus, Skizze


Inventar Nr.: GK 852
Bezeichnung: Pygmalion vor der Statue der Venus, Skizze
Künstler: Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751 - 1829)
Datierung: um 1800/1805
Geogr. Bezug: Hamburg
Material / Technik: Pappe auf Leinwand
Maße: 35,5 x 37,7 cm (Bildmaß)
Umzug NG: 39,5 x 41,9 x 2,2 cm (Objektmaß)
Provenienz:

erworben 1912 als Geschenk des Generalmajors Hackewessel, Kassel, dessen Frau eine Nachfahrin des Malers war

Beschriftungen: Beschriftung: verso Klebezettel: Koenigl. Gemaelde-Galerie Cassel A. 733.; ovales Schild: 12


Katalogtext:
Die Ölstudie bezieht sich auf die berühmte Erzählung von Pygmalion im zehnten Buch von Ovids »Metamorphosen« (Vers 243-297): Der antike Bildhauer Pygmalion schuf eine weibliche Statue aus Elfenbein, deren Reinheit und Schönheit ihn so bezauberte, dass er sie behandelte, als wäre sie ein lebendiges Wesen. Schließlich erfüllte ihm Venus seinen Wunsch und hauchte der Statue Leben ein.
Tischbein hat den Moment der Belebung dargestellt. In einer düsteren, leeren Halle, die lediglich von einer Ölfackel erleuchtet wird, kniet Pygmalion in einem antikischen Gewand zu Füßen der Statue und richtet gebannt seinen Blick auf sie. Die Hände hält er voller Spannung und Staunen vor dem Oberkörper. Die Statue hat den Kopf in Richtung des Betrachters gewandt und ist gerade im Begriff, den rechten Arm zu heben.
Bei der Statue handelt es sich um die »Venus pudica«, nach dem Vorbild der Venus Medici, so dass die Liebesgöttin mit Pygmalions Werk gleichgesetzt ist. Die Figuren des Ölleuchters sollen wohl die drei Grazien sein, die zum Gefolge der Venus gehören und auf die Anwesenheit der Liebesgöttin verweisen. Durch das weiße Elfenbein und den seitlich einfallenden Fackelschein ist sie der hellste Gegenstand des Bildes und setzt sich deutlich vom tonigen, auf die Farben Grau und Ocker reduzierten Kolorit der Gesamtkomposition ab.
Seit der Renaissance war Pygmalion eine beliebte Identifikationsfigur für bildende Künstler. Der Pygmalionmythos war zudem zentraler Diskussionsgegenstand im Wettstreit der Künste. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Stoff zunächst in Frankreich, dann auch in Deutschland erneut diskutiert. Mit der Konzentration auf die beiden Hauptfiguren und dem Verzicht auf Beiwerk orientierte sich Tischbein an dem Darstellungstypus der Pygmalionsage, wie er Mitte der 1770er Jahre aufkam. Seit Jean-Jacques Rousseaus Einakter »Scène lyrique Pygmalion« und dessen erster bebilderter Edition von 1775 begann man sich von der mythischen Auffassung des Stoffes und den figurenreichen Kompositionen zu lösen. Fortan rückte man ins Zentrum die Faszination und Liebe des Pygmalion zu seinem Werk und die Fähigkeit der Kunst, durch ästhetische Imagination, nicht durch göttlichen Einfluss zu beleben. Tischbein hat die Verlebendigung der Statue nicht wie manche Maler durch eine Verfärbung des Inkarnats von hellem Weiß in Rosatöne ausgedrückt, sondern durch die flackernde Ölflamme. Sie verleiht der Statue mit ihrer unregelmäßigen Licht- und Schattenwirkung eine lebendige, unheimliche Wirkung.
Das Ambiente erinnert an jene nächtlichen Galeriebesuche, wie sie etwa in der 13. »Nachtwache« des Bonaventura aus dem Jahr 1805 geschildert werden. Dort besuchen »mehrere Kenner und Dilettanten mit brennenden Fackeln« nachts eine antike Skulpturengalerie, um genau den Effekt der Verlebendigung zu erzielen, den auch Tischbein in seiner Ölskizze zu veranschaulichen suchte.


Literatur:
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 852.
  • Gronau, Georg: Kasseler Brief. In: Kunstchronik (1913), S. Sp. 313-316, S. Sp. 316.
  • Jahrhundertausstellung deutscher Kunst 1650-1800. Darmstadt 1914, Kat.Nr. 733.
  • Biermann, Georg: Deutsches Barock und Rokoko. Leipzig 1914, S. 504, LVII (Bd. 2).
  • Gronau, Georg: Erwerbungen der Casseler Galerie 1912-22. In: Berliner Museen. Berichte aus den Preussischen Kunstsammlungen 44 (1923), S. 60-71, S. 69.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, S. 852.
  • Luthmer, Kurt: Die hessische Malerfamilie Tischbein. Verzeichnis ihrer Mitglieder und einer Auswahl ihrer Werke. Kassel 1934, Kat.Nr. 158, S. 30.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 852, S. 158.
  • Dörrie, Heinrich: Pymalion. Ein Impuls Ovids und seine Wirkung bis in die Gegenwart. Opladen 1974, S. 76.
  • Pigler, Andor: Barockthemen. Eine Auswahl von Verzeichnissen zur Ikonographie des 17. und 18. Jahrhunderts. 2. Aufl. Budapest 1974, S. 231 (Bd. 2).
  • Blühm, Andreas: Pygmalion. Die Ikonographie eines Künstlermythos zwischen 1500 und 1900. Frankfurt a. M. 1988, Kat.Nr. 106, S. 75-112, bes. 117 u. 245.
  • Kuhlmann-Hodick, Petra: Das Kunstgeschichtsbild. Zur Darstellung von Kunstgeschichte und Kunsttheorie in der deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts. Frankfurt a. M. 1993, Kat.Nr. 716 (Bd. 2).
  • Friedrich, Arnd; Heinrich, Fritz; Holm, Christiane [Hrsg.]: Johann Heinrich Wilhelm Tischbei (1751-1829). Das Werk des Goethe-Malers zwischen Kunst, Wissenschaft und Alltagskultur. Petersberg 2001, S. 145.
  • Eschenburg, Barbara: Pygmalions Werkstatt. Die Erschaffung des Menschen im Atelier von der Renaissance bis zum Surrealismus. Ausstellungskatalog. Hrsg. von Helmut Friedel. Lenbachhaus München. Köln 2001, Kat.Nr. 78, S. 208.
  • Heraeus, Stefanie [Bearb.]; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: Spätbarock und Klassizismus. Bestandskatalog der Gemälde in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel [u.a.] 2003, Kat.Nr. 301, S. 326-327.


Letzte Aktualisierung: 06.12.2017


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