Büste eines Mannes mit Pelzmütze



Büste eines Mannes mit Pelzmütze


Inventar Nr.: GK 248
Bezeichnung: Büste eines Mannes mit Pelzmütze
Künstler: Rembrandt Harmensz. van Rijn (1606 - 1669), Werkstatt
Datierung: um 1645
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 35 x 32 x 5 cm mit RSS (Rahmenmaß)
21,3 x 18 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben zusammen mit GK 247 um 1750 durch Wilhelm VIII. auf der Verst. van Wassenaer Obdam, Den Haag


Katalogtext:
Mit nur leichter Wendung des Kopfes nach rechts schaut ein älterer Mann mit dunklem Vollbart aus dem Bild heraus. Sein graues Haupthaar wird weitgehend von einer rötlichbraunen Pelzmütze bedeckt. Das schmale Gesicht erhält sein Licht von links oben. Der Hintergrund hellt sich rechts etwas auf und setzt sich so gegen die Figur in ihrer dunkelbraunen Gewandung ab.

Wie die Tronie des Gegenstücks (GK 247), fertigte Samuel van Hoogstraten auch von diesem Kopf einen Kupferstich an. Erneut wurde der Dargestellte mit dem Namen eines populären Irrgläubigen versehen: Links oben erfolgte die Bezeichnung „Jan van Leyden / Koning van Münster.“ Gemeint ist Jan Beukelszoon (1509-1536), der 1533 in den Bann der Wiedertäufer geraten und als ihr Apostel nach Münster in Westfalen beordert worden war. Hier stieg er 1535 zum alleinigen Führer seines „Königreichs Zion“ auf, in dem u. a. Gütergemeinschaft und Vielehe herrschten. 1536 erfolgte die Eroberung der Stadt durch den eigentlichen Bischof von Münster mit Hilfe hessischer Landsknechte. Jan van Leiden, der Scharfrichter Bernd Knipperdolling und andere wurde hingerichtet. Das Reich der Wiedertäufer faszinierte und schreckte zugleich ab; Legenden entstanden zum Leben von Jan van Leiden, der zu einem Symbol von Irrlehren und den unglaublichen Wandlungen des Schicksals wurde.

So erfolgte mit der Benennung des Dargestellten auf Van Hoogstratens Stich keine authentische Identifikation, sondern eine Erhöhung der Attraktivität des Blattes, indem die Phantasie des Betrachters angeregt wurde.

Zahlreiche Fassungen existieren von dieser Komposition, was vermuten läßt, daß sie unter den Lehrlingen Rembrandts eifrig studiert wurde. Lange galt das Kasseler Gemälde als das Original Rembrandts, zu der es eine Kopie im Louvre gebe (Holz, 26 x 19 cm, Paris, Musée du Louvre, Inv.-Nr. Inv 1750). Abraham Bredius brachte ein weiteres Gemälde ins Spiel, als er sich in einem Brief vom 6. Februar 1931 aus Monaco an die Kasseler Galeriedirektion wandte: „[…] Das Louvre Bild ist, wie Cassel Copie. Ich glaube das Original entdeckt zu haben; werde die 3 Bilder in Oud Holland reproduceren. […] Rembrandt selbst hat nur eins gemalt. Es ist undenkbar, dass er mehrere Copien, Strich für Strich nach seinen eigenen Studien angefertigt hat.“ So stellt Bredius in seinem Artikel dann das Exemplar der Sammlung Dr. Fatou, Paris, als das Original Rembrandts vor. Tatsächlich zeigt dieses Gemälde die gleiche Darstellung in hoher Qualität, aber in einer anderen Handschrift gemalt: Die Farbe wurde dünnflüssiger aufgetragen, es scheint mehr der Untergrund durch und es fällt eine höhere Differenzierung der Formen (Ohr, Nase, Bart, Gewand) auf. Doch auch dieses Gemälde gilt heute nicht als Original Rembrandts; zuletzt schrieb es Egbert Haverkamp-Begemann Constantijn Daniel van Renesse zu. Dieser interessierte sich nach einem Studium an der Universität Leiden ab 1649 für die Kunst Rembrandts. Er wurde kein Werkstattmitglied, sondern besuchte den Meister als wohlhabender Gast, der sich Unterrichtsstunden geben ließ. Dieser Kontakt hielt sich bis etwa 1655. Aufgrund der zuvor entstandenen Radierung Hoogstratens kann Renesse aber nicht als Erfinder des Motivs in Frage kommen.

Ein weiteres Exemplar mit sehr starken (nachträglichen?) Reflexlichtern in den Augen steht dem Gemälde aus der Sammlung Dr. Fatou näher als dem Kasseler. Eine schwache Fassung wurde 1997 und 1998 im Kunsthandel angeboten. Auf einer Variante vergrößerte der Maler den Bildausschnitt nach unten und schloß den oberen Rand mit einem Bogen ab. Dasselbe Modell glaubt man auch auf anderen Kompositionen der Rembrandt-werkstatt wiederzuerkennen.

Die Graphik von Samuel van Hoogstraten entspricht keiner dieser Fassungen bis in jedes Detail, da er offensichtlich beim Stechen kleine Präzisierungen vornahm. So führte Van Hoogstraten die Kleidung genauer aus, streckte den Hals des Dargestellten, bemühte sich um eine konkretere Angabe des Pelzes. Es drängt sich die Frage auf, ob er selbst nicht während seiner Lehre bei Rembrandt (um 1641–1644, bis etwa 1648 Assistent) eines der Exemplare schuf. Die Kasseler Version unterscheidet sich von den anderen durch die dichtere Textur einer körperhaften Farbe, mit der Inkarnat und Pelz angegeben sind, Eigenheiten, die z. B. auch das lebensgroße Selbstbildnis mit Barett und Hermelinkragen von Samuel van Hoogstraten aus dem Jahr 1644 besitzt. Dieselben Kennzeichen zeigen die Kasseler Büste eines Mannes fast im Profil (GK 247) sowie – stets im gleichen Format – zwei weibliche Kopfstudien, nämlich Mädchen mit roter Halskette und Weinende Frau, die Werner Sumowski an Nicolaes Maes, Josua Bruyn aber an Samuel van Hoogstraten zuschrieb. Die Weinende Frau variiert die Ehebrecherin aus Rembrandts oben genanntem Gemälde von 1644, womit erneut der fragliche Zeitraum der Lehre Van Hoogstratens umrissen ist. Auf den Graphiken nach den Kasseler Tronies gibt dieser keinen „Erfinder“ der Vorlage an, auf einer der beiden lediglich sein eigenes Monogramm. In ihm also auch den ausführenden Maler der Bilder zu sehen, liegt nahe, muß aber vorerst nur These bleiben.

Die Sammler des 18. Jahrhunderts konnten nicht übersehen, wie häufig dieses oder jenes Motiv in der Werkstatt Rembrandts von Schülern und Gehilfen wiederholt worden ist. Bei der hohen Qualität der 1750 in Den Haag ersteigerten Werke und ihrer Provenienz aus der bekannten Sammlung Wassenaer Obdam war ausgeschlossen, sie in Kassel etwa nur als Werke im Stil Rembrandts zu titulieren. Dieser Möglichkeit war man sich grundsätzlich sehr wohl bewußt: So hatte das Kasseler Kunsthausinventar von 1744 noch „zwey Köpfe in vergulden Rahmen, in die Maniere van Rembrand“ aufgeführt, die 1775 genauer als „Zwey alte Manns-Köpfe, mit Pelz-Mützen“ bezeichnet werden (verschollen). Der Begriff „in der Manier“ Rembrandts umfaßte weit peripherere Gemälde als die aus dem direkten Werkstattzusammenhang, er meinte auch Arbeiten des eigenen Jahrhunderts.


Literatur:
  • Hoet, Gerard: Catalogus of Naamlyst van Schilderyen, mit derzelver Pryzen. Zedert een langen Reeks van Jaaren zoo in Holland als op andere Plaatzen in het Openbaar verkogt. Den Haag 1752, 1770, Kat.Nr. 6, S. 290 (Bd. 2).
  • Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Kassel 1783, Kat.Nr. 89, S. 62.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 226, S. 151.
  • Bode, Wilhelm; Hofstede de Groot, C. (mitwirkend): Rembrandt. Beschreibendes Verzeichniss seiner Gemälde mit den Heliographischen Nachbildungen. Geschichte seines Lebens und seiner Kunst. Paris 1897-1901, S. 210 (Bd. 4).
  • Voll, Karl: Die Meisterwerke der königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. München 1904.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 248, S. 53.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 248, S. 63.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 246, S. 23.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, Kat.Nr. 248, S. 22.
  • Vogel, Hans; Bode, Arnold; Schuh, Ernst: Gemälde der Kasseler Galerie kehren zurück. Ausstellung Kunsthistorisches Museum Wien 20.12.1955 - 5.2.1956, Hessisches Landesmuseum Kassel 18.3.1956 - 30.9.1956. Kassel 1955, Kat.Nr. 40, S. 18.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 248, S. 120.
  • Bott, Gerhard; Gronau, Georg; Herzog, Erich; Weiler, Clemens: Meisterwerke hessischer Museen. Die Gemäldegalerien in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden. Hanau 1967, S. 114.
  • Herzog, Erich: Die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Geschichte der Galerie von Georg Gronau und Erich Herzog. Hanau 1969, S. 26.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 16, 247.
  • Weber, Gregor J. M. u.a.: Rembrandt-Bilder. Die historische Sammlung der Kasseler Gemäldegalerie. Ausstellungskatalog Staatliche Museen Kassel. München 2006, Kat.Nr. 25, S. 189-193.
  • Dohe, Sebastian; Guratzsch, Herwig; Lange, Justus: 'Die holländischen Bilder hab ich freilich gern'. Wilhelm Busch und die Alten Meister. Kassel 2013, Kat.Nr. 16, S. 143.


Letzte Aktualisierung: 20.09.2017


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